Liebes-Riten junger Leute in Großbritannien – Die Engländer haben "es" sich schlimmer vorgestellt – Der Bericht des Gesundheitsrates

Von Robert Lucas

Man hatte sich die Dinge im Grunde viel schlimmer vorgestellt. Ein erleichtertes Aufatmen ging deshalb durch die englische Öffentlichkeit, als sie den Bericht des Gesundheitsrates über die sexuellen Sitten der Jugendlichen kürzlich zur Kenntnis nahm.

Der ausländische Besucher, der das erotische Klima der Themse-Metropole nach den Aktphotos vor den Strip-tease-Lokalen von Soho beurteilt, wird ein verzerrtes Bild nach Hause bringen: Diese Exhibitionen powerer Nudität interessieren höchstens alternde Geschäftsleute und Touristen. Bezeichnend ist jedoch die Toleranz, mit der heute diese Phänomene der Ersatz-Erotik geduldet werden, die nur selten von Protesten akzentuierte Gleichgültigkeit, mit der man den Straßenverkauf von unzähligen offen oder versteckt pornographischen Zeitschriften hinnimmt, und das Überhandnehmen von Romanen und Theaterstücken, die ihren Erfolg fast ausschließlich ihrem Sex-Gehalt verdanken. All das sind Symptome einer Wandlung, die der englische Soziologe mit dem gedankenlosen Ausdruck Sex-Revolution bezeichnet hat.

Es handelt sich natürlich um ein internationales Phänomen. Aber in England tritt es krasser zutage als auf dem Kontinent, weil hier die Tabus der viktorianischen Ära viel länger und strenger wirksam waren. Da die Geltung dieser Tabus in der bürgerlichen Gesellschaft ein Jahrhundert lang unangefochten war und zeitlich mit der größten britischen Machtentfaltung zusammenfiel, sah man in ihnen geradezu einen typischen englischen Charakterzug. Selbst der exzentrische Lord Arran machte die paradoxe aber nicht unkluge Bemerkung: "Meiner Meinung nach beruht die Stärke des britischen Volkes zu einem wesentlichen Teil auf seinen Hemmungen." Die Hemmungen sind vielleicht etwas zu radikal hinweggefegt worden. Das ist offenbar der Preis, den England dafür bezahlen muß, daß es endlich mit der moralinsauren Heuchelei von gestern Schluß gemacht hat, die die unerfreuliche Kehrseite seiner nach außenhin so wohlgesitteten Bürgerlichkeit war. Die Offenheit und der verantwortungsvolle Ernst, mit dem heute im englischen Rundfunk und in der Presse sexuelle Probleme erörtert werden, sind ungemein eindrucksvoll.

Was die Erzieher und die religiösen Organisationen beunruhigt, ist die Besorgnis, daß eine Art Eskalation des moralischen Verfalls begonnen haben könnte. Es gibt für einen Teenager – und die "Sex-Revolution" ist ja in ihrem entscheidenden Aspekt ein Phänomen der Jugend – kein stärkeres Argument als der Gedanke: "Die anderen tun es auch." Wenn Susan weiß, daß ihre Schulkameradinnen Mary, Ellen und Isabel mit einem boy-friend geschlafen haben, wird die Verlockung, ihrem Beispiel zu folgen, für sie beträchtlich und in manchen Fällen unwiderstehlich.

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