Es sind nicht nur die deutschen Erdölgesellschaften, die die Folgen des harten Wettbewerbs auf dem deutschen Mineralölmarkt zu spüren bekommen. In den Büchern der Tochtergesellschaften der ausländischen Konzerne schlägt sich der Konkurrenzkampf ebenfalls nieder. Aber die Auswirkungen sind unterschiedlich. Während die großen internationalen Ölgesellschaften über genügend Möglichkeiten verfügen, die in der Bundesrepublik gegenwärtig entstehenden "Verluste" auszugleichen, zehren die Mindererlöse bei den deutschen Unternehmen sofort an der Kapitalkraft. Dies um so mehr, als die meisten inländischen Gesellschaften sogenannte "Zebras" sind, also nicht nur auf dem Erdöl-, sondern auch auf dem Kohlebein hinken.

Im Kampf um die Marktanteile auf dem deutschen Markt wird die Kapitalkraft künftig eine noch entscheidendere Rolle spielen als bisher. Der stürmische Anstieg des Bedarfs an Mineralöl ist vorüber, der Verbrauch wird nur noch kontinuierlich wachsen. Wer in der Bundesrepublik künftig im größeren Stil expandieren will, kann sich nicht darauf beschränken, seinen Anteil am allgemeinen Wachstum zu behaupten, sondern muß versuchen, der Konkurrenz Positionen zu entreißen. Deshalb wird es in Zukunft weniger auf. Raffineriekapazitäten, sondern mehr noch auf leistungsfähige Vertriebseinrichtungen ankommen. Die Deutsche Erdöl-AG hat sich deshalb auch nicht gescheut, für die zweite Hälfte des Rheinpreussen-Tunkstellennetzes einen ungewöhnlich hohen Preis zu zahlen, den zu entrichten vor ihr die BP bereit gewesen sein soll.

Die Deutsche Shell AG, Hamburg, hundertprozentige Tochter der Royal Dutch/Shell-Gruppe, legte 1964 ihren Investitionsschwerpunkt bewußt auf die Vertriebseinrichtungen, die zwei Drittel der Anlagezugänge von 181,5 (164,9) Millionen Mark auf sich zogen. Finanzierungssorgen hat die Deutsche Shell nicht. In den letzten achtzehn Monaten erhielt sie aus dem Konzernbereich 300 Millionen zur Stärkung ihrer Finanzbasis, 150 Millionen als langfristige Darlehen und jetzt 150 Millionen als neues Aktienkapital. Für die Royal Dutch/Shell-Gruppe ist die deutsche Tochtergesellschaft ein besonders wertvolles Familienmitglied. Sie hat zwar nach dem Kriege immer mehr an Kapital gebraucht, als sie an Dividenden abführte. Aber die Londoner Konzernleitung ist der Meinung, daß die Investitionen in der Bundesrepublik besonders lohnend waren. Gewinne braucht man ja nicht unbedingt hier entstehen zu lassen.

So ist der für 1964 ausgewiesene Verlust der Deutsche Shell AG von 11,2 Millionen keine dramatische Angelegenheit. Immerhin wird aus der Gewinn- und Verlustrechnung deutlich, daß die Steigerung des Mengenumsatzes um 10,7 Prozent auf 12,2 Millionen Tonnen nicht ausgereicht hat, um die Folgen der Mindererlöse auf dem Mineralölmarkt zu kompensieren. Die Brutto-Warenerlöse im Inlandgeschäft haben sich nicht erhöht. Die Shell hat sich im Verkauf von erlösschwachen Produkten zurückgehalten – und dabei an Marktanteil eingebüßt. Es dürfte ihr nicht schwerfallen, unter Einsatz ihrer Finanzkraft den verlorengegangenen Boden zurückzugewinnen, sobald sie dies für zweckmäßig hält. K. W.