London, im August

Die britischen Parlamentsferien haben begonnen, aber Edward Heath und die 21 Männer seines Schattenkabinetts werden im August und September jene Offensive fortsetzen, die der neue Parteiführer sogleich nach seiner Wahl im Unterhaus eröffnet hat. Bei dieser ersten Attacke schnitt er mit wenig Ruhm ab. Der Debatte über das Mißtrauensvotum gegen die Regierung blickte die Fraktion der Konservativen so begierig entgegen wie einem homerischen Zweikampf. Die Erwartungen wurden enttäuscht; der Tory-Held wurde von Harold Wilson niedergestreckt. Heath besitzt zwar Festigkeit und Wissen, aber es fehlt ihm die reiche Nuancen-Skala, über die der Premierminister verfügt.

Bei der Zusammensetzung des Schattenkabinetts aber hat Heath wieder die Fähigkeit der kühlen Beurteilung bewiesen, der er seinen Aufstieg in der Partei vor allem verdankt. Entschlossen, die Einigkeit der Partei, die sich während und nach seiner Wahl so deutlich dokumentierte, durch keinen Mißton zu stören, ließ er kein einziges Mitglied des früheren Schattenkabinetts fallen. Er wird von manchen dafür kritisiert, daß er die Gelegenheit verstreichen ließ, durch Neuernennungen den Eindruck zu verstärken, eine Ära konservativer Dynamik habe begonnen. Aber wenn er seine Auswahl unter den jüngeren konservativen Abgeordneten getroffen hätte, welche die Heath-Agitation innerhalb der Partei organisierten, so hätte dies zu sehr wie eine Belohnung gewirkt. Es beweist nur sein politisches Fingerspitzengefühl, daß er mit Neuernennungen warten will, bis die konservative Parteikonferenz im Oktober vorbei ist.

Durch kluge Umbesetzungen jedoch wirkt das Schattenkabinett viel stärker als früher. Reginald Maudling ist nicht mehr Außenminister, sondern Stellvertreter des Parteiführers. Bisher gab es diese Stellung nicht. Sie sichert dem Rivalen um die Parteiführung den gebührenden Rang – nicht aber jene Wirkungsmöglichkeit, zu der nun einmal ein klarer Kompetenzbereich gehört. Die Aufgaben, für die Maudling zuständig war, sind jetzt Sir Alec Douglas-Home übertragen worden, er führt ein Team, das erstens für äußere Angelegenheiten verantwortlich ist (mit Christopher Soames, dem Schwiegersohn von Winston Churchill), zweitens für Commonwealth-Angelegenheiten (mit Selvin Lloyd) und drittens für Verteidigungsfragen (mit dem brillanten, ultrakonservativen Inoch Powell).

Das Teamprinzip, mit dem Heath im Kampf gegen die Finance Bill des Finanzministers Callaghan in vielwöchigen und oft nächtelangen Unterhausschlachten so gute Erfahrung gemacht hatte, verwirklichte er auch auf dem Gebiet der Wirtschaft. An die Spitze dieser Gruppe tritt Iain Macloed. Auf dem Gebiet der Innenpolitik ist das Teamprinzip nicht klar durchgeführt. Aber der noch junge Sir Keith Joseph, der sich als konservativer Wohnbauminister ebenso ausgezeichnet hatte wie als gründlich beschlagener und hart zuschlagender Unterhausredner, gewinnt als Oppositionssprecher für Arbeits- und soziale Fragen einen viel weiteren Wirkungskreis.

Am interessantesten ist die Ernennung von Iain Macloed. Obwohl ihn viele Konservative für den fähigsten Mann der Fraktion halten, kandidierte er aus guten Gründen nicht für den Posten des Parteiführers. Als sehr fortschrittlicher konservativer Kolonialminister hatte er sich bei vielen Tories von altem Schrot und Korn gehörig verhaßt gemacht. Seine Weigerung dann, unter Sir Alec Douglas-Home der Regierung anzugehören, führte geradezu zur politischen Exkommunikation. Jetzt wird Macloed als Sprecher für Wirtschaft und Finanzen neben Heath unzweifelhaft die wichtigste Rolle im Schattenkabinett spielen. Wirtschaftsminister Brown und Finanzminister Callaghan werden sich von ihm einiges zu versehen haben.

Vor der Wahl des neuen Parteiführers wurde gesagt, daß Heath auf wirtschaftlichem Gebiet mehr zum "Powellism" neige als Reginald Maudling. Um so interessanter ist es, daß Inoch Powell im Schattenkabinett mit Wirtschaft nichts zu tun hat, sondern mit Verteidigungsfragen. Für dieses Enfant terrible der konservativen Fraktion ist jede zentrale Wirtschaftsplanung, jeder Dirigismus ein Werk des Teufels. Im Kampf um die Parteiführung erhielt Powell nur 15 Fraktionsstimmen. Sein Kreuzzug zugunsten eines extrem freiwirtschaftlichen Kurses hat die konservative Fraktion nicht überzeugt. Aber Verteidigungsminister Dennis Healey wird in ihm künftig gewiß einen Gegner von Format finden.

Inoch Powell war Universitätsprofessor – und der Mann, der im Zweiten Weltkrieg die rascheste militärische Karriere machte: vom einfachen Soldaten zum Brigadier in vier Jahren. Die aufsehenerregende Artikelserie eines anonymen Konservativen, welche vor einem Jahr in der Times die Grundlagen britischen Lebens und Denkens vernichtend analysierte, wird ihm zugeschrieben – ohne Zweifel mit Recht. In einem dieser Artikel schrieb er, die militärischen Ausgaben Großbritanniens im Nahen Osten und im Indischen Ozean seien nicht anders zu erklären als "durch die feste Entschlossenheit, angesichts der Realität der veränderten Macht und Stellung Großbritanniens in der Welt die Augen zu schließen". In den Reihen der Opposition gibt es keinen Mann, der die Kürzung britischer Verteidigungslasten intensiver vertreten könnte. Parteifreunde, die den geistreichen Einzelgänger bewundern und fürchten, nennen ihn "die unabhängige Abschreckungsmacht" der Konservativen. Martin Wieland