HESSISCHER RUNDFUNK

Montag, 9. August, das Nachtprogramm:

Wer künftig Theodor W. Adorno zu einem Vortrag einlädt, sollte eines nicht versäumen: die entgegenkommende Aufforderung nämlich, er brauche seine Rede nicht vorzubereiten, er könne sie ohne Manuskript, ja ohne Konzept halten – das Publikum wird es dem Veranstalter danken. Kurz, Theodor W. Adornos "improvisierte Ketzereien" über den Lehrerberuf waren von einer ungewohnten Verständlichkeit.

Der Lehrerberuf, so diagnostizierte Adorno, wird gesellschaftlich nicht für voll genommen, sogar bei Examenskandidaten besteht ein Widerwille gegen ihren künftigen Beruf.

Solche Geringschätzung hat feudale Wurzeln. Sie entspringt dem Ressentiment des Kriegers gegenüber dem Hauslehrer, der nur als besserer Diener gilt. Das bürgerliche Vorurteil bevorzugt Juristen und Ärzte, weil sie in keiner Beamtenhierarchie vermauert, sondern dem freien Konkurrenzmechanismus ausgesetzt scheinen.