ALLE REICHTÜMER DER WELT

Schauspiel von Eugene O’Neill

Salzburger Festspiele (Europa-Studio)

Nach dem angeblich letzten Stück von O’Neill, das unter dem deutschen Titel "Fast ein Poet" seine deutschsprachige Erstaufführung in Oscar Fritz Schuhs Regie bei den Salzburger Festspielen erlebt hatte, wiederholte sich derselbe Vorgang jetzt mit dem angeblich allerletzten, bisher bei uns noch nicht aufgeführten Manuskript des amerikanischen Dramatikers. Man wußte von "Alle Reichtümer der Welt" seit der Stockholmer Uraufführung im Jahre 1962. Niedergeschrieben wurde dieses Stück eines auf elf Dramen berechneten Zyklus zwischen 1935 und 1938. Vier Stücke sind vom Autor übermäßig lang ausgeführt, zwei von ihm selber wieder verbrannt worden. Übrig blieben "Fast ein Poet" und "Alle Reichtümer der Welt". Gegen den Willen ihres Mannes gab die Witwe O’Neills erst das eine, dann das andere (die Fortsetzung des ersten) zur Aufführung frei – Stoff genug für einen literaturgeschichtlichen Roman, Variante des Themas "Max Brod rettet Kafka".

Dem Dichter O’Neill ist mit dem postumen Herausgeber- und Bearbeiterehrgeiz kein besonderer Dienst erwiesen worden. Das Theater allerdings gewann zwei Spielanlässe, und diese enthalten tiefe Charakterstudien – verlockende Aufgaben für Schauspieler.

So wie es jetzt auch an die deutschsprachige Öffentlichkeit tritt, wirkt das Stück "Alle Reichtümer der Welt" nur als ein Beitrag zur psychoanalytischen Selbstzerfaserungsdramatik – interessant allenfalls für eine ältere, an Strindberg geschulte Zuschauergeneration. Zur Rechtfertigung des Autors muß aber darauf hingewiesen werden, daß der Titel des elfteiligen Dramenzyklus lauten sollte: "Die Geschichte der Besitzenden, die sich selbst um ihren Besitz bringen".

Innerhalb einer rund 100jährigen, in Dramen komprimierten Geschichte Amerikas hieß unser Stück "More Stately Mansions", frei übersetzt: "Baue immer herrlichere Häuser." Beraubt des zyklischen und damit des geistesgeschichtlichen wie des sozialkritischen Zusammenhangs, steuert die gekürzte und bearbeitete Theaterfassung nur noch ein individualpsychologisches Ziel an: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele.