Wie soll man sich verhalten, wenn vom Nebentisch die bösen, die dummen, die verfaulten Worte durch den Raum dröhnen? Still bleiben?

Ein Freund aus Paris, dessen Schwägerin, eine Ärztin, aus Amerika zu Besuch ist, steuert den Wagen durch die Eifel. Denn jetzt wollen sie Deutschland besuchen, der Freund, seine Frau und deren Schwester. Sie haben Zeit und verzichten auf die Autobahn. Irgendwo zwischen Trier und Bonn machen sie Station. Das Hotel heißt "Sonnenschein".

Ja, wenn die längst verfaulten Worte den Gastraum verpesten, senken wir dann den Blick geniert auf den Bierdeckel nieder und schweigen?

Der Wagen mit der Pariser Nummer parkt neben einem Auto aus Dortmund. Im neu errichteten, hübschen Hotel hat der Wirt die Gäste freundlich empfangen und ihnen sein Kompliment gemacht, daß sie so gut Deutsch sprechen. Das Abendbrot findet ihren Beifall. Sie fühlen sich wohl im Speisesaal, in dem auch viele andere Gäste "nach Tisch" noch in ruhigen Gesprächen sitzen, darunter ein Paar aus Holland.

Dieses Paar unterbricht sein; Gespräch und lauscht während der ganzen folgenden Szene: Eine größere Gruppe von Gästen, die nicht weit vom Tisch der Pariser Platz genommen hat, beginnt das Klagelied, über das "Deutschland von heute". Schlappe Jugend, verdammt noch mal; Herr Ober, noch ’ne Runde. Und wohin man blickt, nichts als Ausländer.

Kellner aus Italien, Arbeiter aus Spanien oder Griechenland oder aus der Türkei. Über solche Zustände in den Großstädten will man ja noch nichts sagen: da geht’s um das internationale Geschäft, aber sogar in dieser Eifelgegend – Herr Ober, eine neue Lage! – kann’s passieren, daß man auf die Frage nach einem Wege keine Auskunft kriegt: Der Herr oder die Dame sind aus Belgien, Holland, Frankreich. Was wollen sie bei uns im Lande? Hinterher erzählen sie, es sei doch alles bloß Mist gewesen. Oder nicht? Und dann kommt das Gespräch, das immer lauter und lauter wird, auf die Politik und darauf, daß nicht alles schlecht war unter Hitler, und was die Juden betrifft... Das Paar aus Holland schaut in die Runde. Es ist still im Gastzimmer des Hotels "Sonnenschein" in der Eifel. Warum sagen die Deutschen unter den Gästen nichts? Jeder blickt auf sein Getränk und schweigt; einige verlassen den Speisesaal. Aber mein Freund aus Paris – er mischt sich ein. Und einen Augenblick sieht es aus, als werde es nicht beim bloßen Wortwechsel bleiben. Ende der Szene: Altmodischfeindlicher Tausch von Visitenkarten: "Bitte, hier! Damit Sie sehen, daß ich kein Feigling bin. Sie werden von mir hören!" – "Danke, mein Herr!"

Die Visitenkarte, die mein Freund mir zeigte, trug übrigens einen in Flandern nicht ungewöhnlichen Namen, der möglicherweise auch Herrn Degrelle bekannt war. Sein Inhaber ist Architekt und wohnt in Dortmund.