Bonn

Der Wahlkampf treibt immer neue Blüten, und das Schiedsgericht der Parteien, dem ein unabhängiger Professor vorsitzt, könnte neue Arbeit bekommen. Denn zu den Aufgaben der Schiedsstelle, die mit je einem Vertreter von CDU, CSU, FDP und SPD besetzt ist, gehört auch die "Entgiftung des Wahlklimas". Bei mutmaßlichen Verstößen gegen die Fairneß-Vereinbarung der Parteien soll das Schiedsgericht über die Beschwerden verhandeln.

In diesen Tagen nun verschickt die SPD an Funktionäre, Parteien, Gönner und Freunde eine hundert Seiten starke bebilderte Broschüre mit dem Titel"Jedem Alter seine Native". Ein roter Umschlag faßt ein Dutzend satirischer Artikel und Reime des SPD-Wahlkampfmanagers Karl Garbe ein. Der 38jährige Autor nennt sein jüngstes Werk, das auch über den Buchhandel verbreitet wird, ein "Plädoyer für eine alte Regierung" und bekräftigt diesen ironischen Trend mit zahlreichen fettgedruckten Wahlparolen, die er dem politischen Gegner empfiehlt.

Der SPD-Schriftsteller war darauf bedacht, die CDU als ersehnten Partner einer schwarz-roten Koalition möglichst zu schonen. Allein Bundeskanzler Erhard, Feind einer großen Koalition, wird reichlich mit Hohn bedacht. Da auch die FDP bis jetzt keine Neigung zeigt, nach der Wahl eine Regierungsehe mit der SPD zu schließen, sind giftige Pfeile auf Erich Mende und seine Freidemokraten gezielt. Wichtigstes Angriffsobjekt aber ist Franz-Josef Strauß. Die CSU-Parteileitung in der Münchner Lazarettstraße, die sich kürzlich lauthals über die Wahlkampf-Illustrierte der FDP empört hatte, kann nun erneut lamentieren.

Unter dem Stichwort "Haushalt 1965" wird Maßhalter Erhard mit folgendem spitzen Reim gereizt: "Der Kapaun vom Tegernsee / sammelt jetzo seine Heere, / zu verschießen Praline / aus der Wohlstandsbonbonniere." Und als zugkräftige CDU-Wahlkampfparole schlägt Garbe vor: "Gewogen und zu seicht befunden – wählt Erhard."

Wenn es um Mende geht, bieten sich diese Texte an: "Sein Westentaschenformat ist weiß – wählt Mende", "Lieber einen Schrecken ohne Mende als ein Mende mit Schrecken" und gar "Wer weiter denkt, der weiß: Nach Mende / kommt F.-J. Strauß als dickes Ende". Auch für Mendes Partei weiß der SPD-Taktiker Rat: "Aus nichts wird nichts – darum FDP", "Von Fall zu Fall – wählt FDP" und "Aus Liebe zur Mache – FDP".

Die CSU wird ebenso mit anzüglichem Spott überzogen: "Nieten aus dem Busch – wählt CSU", "Nach uns die Sintflut – wählt CSU", "Tu Dir Gewalt an – wähl CSU", "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich – CDU/CSU" und "Eine Hand wäscht die andere – wählt CSU".