Von Wolfgang Müller-Haeseler

Nach einjähriger Arbeit hat jetzt eine Sachverständigengruppe des sogenannten Zehnerklubs, dem Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, die Niederlande, Schweden und die Vereinigten Staaten angehören, ihren Bericht über die Möglichkeiten zur Schaffung neuer internationaler Währungsreserven vorgelegt. Wer von dem Ossola-Bericht, so genannt nach dem italienischen Vorsitzenden der Sachverständigengruppe, eine Lösung der internationalen Währungsprobleme erwartet hatte, wird enttäuscht sein. Allerdings war das auch nicht ihre Aufgabe. Es ist vielmehr eine Zusammenstellung der verschiedenen Vorschläge und Möglichkeiten, die sich aus der Diskussion der letzten Monate herausgeschält haben. Es will jedoch scheinen, als sei die Gruppe fast ein wenig zu zurückhaltend gewesen. Sie hat sich jeder Wertung der vorliegenden Vorschläge enthalten, selbst dort, wo offensichtlich das Streben nach einer laxeren Währungsdisziplin im Hintergrund der Überlegungen gestanden hat.

Dem Bericht kommt eine besonders aktuelle Bedeutung zu, nachdem die USA im vergangenen Monat eine überraschende Kehrtwendung vollzogen haben. Waren sie bis dahin strikt gegen jede Reform des gegenwärtigen Weltwährungssystems, das im Internationalen Währungsfonds seinen Ausdruck findet, so erklärte sich der amerikanische Finanzminister Fowler plötzlich unter gewissen Bedingungen bereit, an einer solchen Reform mitzuwirken. Großbritannien hatte nichts eiliger, als Fowler zuzustimmen. Fowler möchte nach Möglichkeit noch vor der Septembertagung des Internationalen Währungsfonds erste Gespräche über die Weltwährungskonferenz aufnehmen.

Mit einem Schlage sind die seit über einem Jahr laufenden Erörterungen – insbesondere Frankreich hatte schon vor der Weltbanktagung im vergangenen Jahr in Tokio eine Reform gefordert – aus der Theorie in die Nähe der Praxis geraten.

Für die amerikanische Kehrtwendung gibt es eine recht simple Erklärung. Seit Beginn der fünfziger Jahre leidet Amerika unter einem ständigen Zahlungsbilanzdefizit, das heißt, unter einem Abfluß von Dollars, die sich bei anderen Ländern als Währungsreserven und Mittel zur Finanzierung des wachsenden Handels niederschlugen. Sechzig Prozent der internationalen Liquidität der letzten zehn Jahre stammten aus dieser Quelle. Auch das reichste Land kann auf die Dauer einen solchen Aderlaß nicht aushalten. So bemühen sich die USA seit dem Herbst des vergangenen Jahres, das Loch in ihrer Zahlungsbilanz zu stopfen. Wie die letzten Ausweise zeigen, mit Erfolg. Im zweiten Quartal dieses Jahre zeigte die Zahlungsbilanz zum erstenmal seit acht Jahren einen Überschuß, wenn er auch noch nicht ausreichte, das Defizit des ersten Vierteljaires zu kompensieren. Ein Ausgleich der amerikanischen Zahlungsbilanz auf Dauer würde ehe sehr wesentliche Quelle für die Finanzierung des Welthandels versiegen lassen.

Unter dem Gold-Devisen-Währungssystem, bei dem die Währungsreserven entweder in Gold ocer den Leitwährungen Dollar und Pfund von den einzelnen Ländern gehalten werden, läßt sich theoretisch tatsächlich ein Mangel an internationaler Liquidität oder Währungsreserven ausreinen, wenn die USA als Liquiditätsspender ausfallen. Der Welthändel ist nämlich in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 5,8 Prozent gestiegen, während der Goldbestand, der dann allein den Zuwachs des Welthandels und der Währungsreserven zu tragen hätte, nur um Prozent im Jahr zunahm. Diese Rechnung läßt allerdings außer acht, daß sich bei vielen Ländern ein beachtliches Dollarpolster angesammelt hat; bei den Industrienationen ein Vielfaches dessen, was unter dem reinen Goldstandard vor 1914 für ausreichend angesehen wurde.

Wenn sich also der Welthandel weiterhin in gleichem Maße ausweitet, könnten in absehbarer Zeit nicht mehr genügend liquide Mittel vorhanden sein, um Defizite in der Zahlungsbilanz einzelner Länder zu finanzieren. Diese Überlegung hat auch zur Einsetzung der Ossola-Gruppe geführt. Die bisher unterbreiteten Vorschläge, soweit sie nicht von vornherein als unrealistisch ocer nicht akzeptabel für einzelne Staaten ausschieden, lassen sich in drei Gruppen einteilen: