Ferienzeit, Badezeit, Reisezeit. Das zieht uns jetzt mächtig in den Süden: Sonne, Wasser, Amore. Das drängt uns jetzt alle auf die Autobahn. Das windet sich über hundert Bundesstraßen, das strömt über große Zubringer, dreht sich im Kreisel, verteilt sich und fädelt sich endlich ins Gerade ein und rollt und rollt und wird doch schon langsamer. Gleich hinter Frankfurt herrscht drangvolle Enge. Es stockt. Das sind die Nöte des Wohlstandes, höre ich: Engpässe des Kapitalismus, Stauungen der Sehnsucht, Fernweh auf Bremsen, Auffahrunfälle und Blechschäden; das muß man so mitnehmen. Das sind so die Künste im freien Deutschland: von Darmstadt bis Mannheim im ersten Gang fahren und möglichst noch, ohne den Kühler zum Kochen zu bringen. Wer kann das? Wer kocht dabei nicht? Es kriecht eine Schlange durch unser Land, eine glänzende, kochende Kobra windet sich auf dem Asphalt, es ist die Urlaubsschlange, wohl zwanzig Kilometer lang. Sie hat wie alle Schlangen viel Gift und Galle in sich. Es blitzen böse Augen aus manchem Glied, Gesichter, die hart und verbissen sind. Ihr Äußeres ist überaus kostbar. Noch immer geht nichts über Schlangenhaut.

Bei Heidelberg löst sich das ganze langsam auf. Es ist eines der Rätsel unserer technischen Gesellschaft, wie solche Schlangen entstehen, wie sie liquidiert werden. Schlangentöter, Drachentöter – ich will dich sehen. Nun müßte doch etwas kommen, etwas Richtiges, das alles erklärt: eine Baustelle, eine Umleitung, ein Unfall wäre jetzt gut. Man fiebert zersplittertem Glas oder einer richtigen Karambolage entgegen. Man hat ein Recht darauf nach stundenlangem Kriechen, aber es kommt nichts. Die Stauung löst sich einfach so auf; wie eine Ziehharmonika zieht sie sich langsam wieder auseinander, wird flott. Enttäuschung mischt sich in die Erfahrung neuer Beweglichkeit. Ganz in der Tiefe ist man empört: Man möchte ein Opfer für seine Qual. Ein Toter wäre jetzt gut, würde versöhnen für drei oder vier Stauungen noch in der Zukunft. Uralter Kultus auf deutscher Autobahn. Das Menschenopfer beschwichtigt noch immer den Zorn der Götter. Aber es kommt nichts, das Opfer bleibt aus, es kommen Bruchsal und Karlsruhe. Wälder und Wiesen, Kornfelder und Siedlungen fliegen am Fenster vorbei. Das kleine Gefühlchen, geprellt zu sein, verliert sich schon bald im badischen Land. Jetzt kommen die Ferien, der Süden, die Sonne und Gottes ewig blauer Himmel. Näher, mein Gott, zu dir.

Plötzlich neue Stauung. Ganz kurz vor Offenburg, und niemand hätte das hier auf der neuen, glatten Bahn zu erwarten brauchen. Es kommt so plötzlich, daß überall Bremsen quietschen, Räder blockieren, Bremsspuren ziehen wie Radiergummi. Ferienfreuden fliegen nach vorne, Strohhüte und Wasserbälle kullern einen Augenblick übers Steuerrad. Halt dich doch fest! Mein Gott, siehst du denn nichts? Na ja, ging noch mal gut – und dann steht man plötzlich ganz knapp hinter seinem Vordermann, der auch ganz knapp hinter seinem Vordermann steht und dieserwieder hinter seinem und jener hinter diesem und so immer weiter. Das ging noch mal gut. So reicht sich das kleine Glück nach vorne, addiert sich vielhundertfach in der Schlange und wird vielleicht vorne in einem kleinen Unglück enden. Man wird ja sehen.

  • Fenster herunter. Ein Schluck aus der Kaffeeflasche, Zigaretten her, tief einatmen, Luft schöpfen. Riechst du was? Es riecht doch schon anders hier. Immer ist Ruhe in solchen Fällen die erste Bürgerpflicht. Erwägungen über die Landschaft: Schon Tabakanbau bei Lahr, Stumpen und Zigarillos, Vorahnung des Orients, wenn du so willst. Viel Wein an den Berghängen, die Spuren des Bacchus in Baden. Erwägungen, im Alter hier Wohnsitz zu nehmen. Contracta-Prospekte zu Hause. Es muß schließlich im Alter nicht gleich Valencia sein. Die Ferien beginnen hier, zwischen Straßburg und Baden-Baden. Und während man das erwägt, geht es langsam weiter. Achtung, einlegen, erster Gang, rollen, bremsen, warten, wieder einlegen, einen Augenblick geht es voran, und der vor mir versucht plötzlich nach rechts rüber zu scheren, weil da fünf Meter mehr Platz ist. Erwägungen, ob man sich anschließen soll. Vielleicht ist rechts doch das Richtige jetzt und hat etwas mit Recht zu tun, wie Adenauer meinte. Vielleicht kommt man so schneller voran? Aber auch rechts stockt es jetzt, und dann geht es plötzlich wieder weiter, und dann stockt es wieder, und dann wieder voran: Das ist so die alte Tour. Wir Westdeutschen kennen das. Man kriecht so nach Süden. Das Wasser beginnt wieder zu kochen.

Plötzlich ist man vorne. Damit hatte man nicht gerechnet. Plötzlich sieht man alles: Ein Unglück wird vorne serviert, ein blutiges Schauspiel liegt ausgebreitet wie auf einer Bühne. Wie Shakespeare im vierten Akt – schwer zu beschreiben. Die Helden sind niedergestreckt, auch Romeo, auch Julia. Das war einmal ein Auto, das war einmal eine Liebe, das war einmal ein verborgenes Ferienglück, das gen Süden rollte, und jetzt liegt es da auf dem Grünstreifen und rührt sich nicht mehr. Das Auto, ach, dieser Hüpfer von einem Aufgehen, dieses Wägelchen, das eigentlich nur auf Rummelplätzen so im Quadrat fährt, dieses winzige Ferienglück eines Liebespaars, kleine Leute, die wie die Großen auch gen Süden wollten – es liegt zerfetzt und zerquetscht an der verbogenen Leitplanke. Einen Augenblick mutet es wie eine abstrakte Drahtplastik an, eine kühne und zugleich gespenstische Neuschöpfung der Technik, Zufallskunst, Pop Art oder so. Auf dem Gras liegt ein Mädchen in einem weißen, großgeblümten Kleid. Sie liegt wie im Urlaub im Grün, blond und still, und das Ganze sieht aus wie von einem Sonntagsmaler gemalt: so steif und bunt und richtig zum Greifen. Neben ihr liegt ein junger Mann, der Romeo. Das weiße Sporthemd ist auf der rechten Seite aufgerissen, ist rot und schwarz von Blut. Das Blut zieht sich am rechten Arm herunter, und der Arm ist noch da, aber die Hand fehlt, ist weg, ist einfach nicht mehr dran, ist irgendwo hängengeblieben. Sanitäter haben ihm den Arm abgebunden und tragen eine Bahre heran – und ich? Ich fahre ganz langsam vorbei, gleite lautlos und stumm über die Bühne des Todes. Will alles sehen, will alles mitbekommen, will nichts versäumen. Halt das doch fest, uraltes Lied: "Mitten wir im Leben" und "Rasch tritt der Tod den Menschen an". Uraltes Lied: das ist sein Zeichen, sein dunkler Flügel, nicht Sense, nicht Knochenmann. Das war nur Vorgeschichte. Der Totentanz in unserer Zeit spielt auf der Autobahn.

Paß doch nur auf! Siehst du denn nichts? Reiß dich doch los! Da stehen zwei Grüne und pumpen mit ihren Knien und rudern mit ihren Armen. Sie machen uns zögernden Dampf. Nu los, nu schnell, nu Gas, ihr Kerle! Nu haut doch schon ab! Zwei Polizisten stehen am Autobahnrand, stehen wie grüne, lederne Turner am Rand, krachend vor Kraft, vor Energie und Wille, und gehen immer in die Knie und kommen wieder hoch und rudern mit den Armen. Sie pumpen das Leben wieder an, geben energische Zeichen, schwitzen, winken und rudern: Nu los, nu ran, nu haut doch schon ab, ihr Kälber! Sie machen diese kraftvollen Freiübungen richtig im Takt und erinnern mich einen Augenblick an Galeereneinpeitscher im Kino oder auch an meinen Unteroffizier damals im Kriege: Knie beugt, Arm vorstrecken, Gewehr in Vorhalte, Knie streckt, Arm runter – nu los, ihr müdes Ferienvieh, nu Dampf, es wartet der Süden, das Meer und die Sonne, Knie beugt, Arm vor, Gewehr in Vorhalte, nu los nach Rimini, nach Cattolica, Riccione. "Mensch, geben Sie doch endlich Gas!" schreit mir der rechte Grüne strahlendheiß ins offene Fenster und ist schon vorbei. Und geht, wieder in die Knie, ganz runter, schnellt wieder hoch und pumpt und pumpt so langsam die trage Schlange voran – ich sehe das nur noch im Rückspiegel. Ein schwerer Dienst, das ist sicher. Ich bin schon vorbei. Er bleibt.

Ich werde am Strand von Italien liegen, ich werde auf luftigen Terrassen zu Mittag essen und in der Nacht bei Giuseppe in der Taverne Lacrimae Christi schlürfen – das ist Pompejis Spezialität. Und ab und zu werde ich diese beiden Polizisten sehen. Die stehen hinter dir und bleiben – am Posillip und in Santa Lucia. Und wenn du spazieren und wenn du baden gehst, stehen die da und rufen: Nu los, nu Gas, nu haut doch schon ab!