P. S., Bonn, im August

Noch hatte sich der Staub nicht gelegt, den die Versetzungsgesuche vier höherer Beamter aus dem Amt des Wehrbeauftragten aufgewirbelt hatten, da verschwand der Wortführer der Gruppe, der 43jährige Ministerialrat Dr. Franz Engst, langjähriger leitender Beamter der Dienststelle, plötzlich nach Holland. Am 2. August hatte Engst seine neue Tätigkeit im Bundesverteidigungsministerium aufgenommen, wo sich für den früheren Assistenten des Verteidigungsausschusses erstaunlich rasch ein Posten gefunden hatte. Zwei Tage später meldete die von der niederländischen Polizei alarmierte deutsche Kriminalpolizei dem Wehrbeauftragten Hoogen, Engst halte sich in Rörmond auf und wollte nicht mehr in die Bundesrepublik zurückkehren.

Das Bundesverteidigungsministerium schickte einen Offizier des militärischen Abschirmdienstes nach Holland, der den Ministerialrat zur Rückkehr bewegen konnte. Engst hatte "teils dienstliche, teils private Aufzeichnungen" bei sich, die sichergestellt werden konnten. Ein von Hoogen beauftragter richterlicher Beamter sichtet das Material.

Ungeachtet der Beteuerungen einiger Freunde von Engst, wonach es sich um eine Art Kurzurlaub gehandelt habe (Engst selber sprach nach seiner Rückkehr von einer "innerdienstlichen Angelegenheit"), war doch offenkundig, daß höchstens ein Nervenschock, eine momentane geistige Verwirrung oder Erschöpfung Engsts Verhalten halbwegs erklären konnte.

Seine "Flucht" beeinflußte auch die öffentliche Beurteilung der Vorgänge im Amt Hoogen. Nun war auch bei der SPD keineswegs mehr Amtschef Hoogen der Sündenbock, der bewährte Beamte mit neuen Arbeitsmethoden und anderen Auffassungen entmachten wollte. Jetzt war nur noch Engst der Stein des Anstoßes – und zwar, wie nun in Bonn plötzlich zu hören war, schon seit Jahren. Professor Eschenburgs Analyse der fachlichen und menschlichen Qualitäten Engsts in der ZEIT vom 6. August wurde durch Detailschilderungen untermauert.

Kaum war Engst von Bonn aus zunächst zu Verwandten nach Süddeutschland, dann auf Weisung des Bundestagspräsidenten Dr. Gerstenmaier in ärztliche Behandlung gebracht worden, da erinnerten sich Bonner Korrespondenten der Rolle, die der Ministerialrat unter dem Ersten Wehrbeauftragten von Grolman und seinem Nachfolger Heye gespielt habe. Stimmt es, daß Engst die Veranlagung von Grolmans kannte und gegen ihn ausspielte? Ist es richtig, daß Engst den Admiral a. D. Heye zum Schritt in die Öffentlichkeit – durch seine kritischen Berichte in der "Quick" – in voller Kenntnis der Folgen für Heye gedrängt hat? Vielleicht hatte sich Engst beide Male schon als Nachfolger in der Position des Wehrbeauftragten gesehen.

Ob Engst nach, der psychiatrischen Untersuchung in ein Disziplinar- oder Strafverfahren verwickelt wird oder nicht, ist kaum noch erheblich. Der ehrgeizige Mann hat sich selber disqualifiziert. Interessant wird aber sein, weshalb er noch Unterlagen aus der Dienststelle des Wehrbeauftragten besessen und mitgenommen hatte. In Bonn wird spekuliert, daß einige dienstliche Fälle von Engst nicht so bearbeitet worden seien, wie das zu erwarten gewesen wäre. Was hatte er zu verbergen?