Eigentlich ist ein Polizist an allem schuld. Er begleitete mich auf seinem Motorrad auf 38 Kilometern meines ersten Marathonlaufs mit einer derart stoischen Ruhe und vielen aufmunternden Worten, daß ich es einfach nicht fertigbrachte, ihn zu enttäuschen und früher als vier Kilometer vor dem Ziel aufzugeben. Fast vom Start weg lag ich an letzter Stelle, und der Wachtmeister hatte die strikte Auflage, den Schlußläufer des 171 Mann starken Feldes zu begleiten. "Wir werden nicht lange allein sein", sagte ich am Anfang frohlockend und zu unserem Trost, "die anderen fallen noch zurück!"

Aber die anderen fielen nicht zurück. Wir hatten zwischendurch mehr als drei Minuten Rückstand auf die Vorletzten. Ich hörte die Zuschauer halb spöttisch, halb bewundernd an den Kontrollstellen: "Da kommt ja immer noch einer." Nach mir kam dann aber wirklich keiner mehr. Das bestätigte auch der begleitende Polizist, denn seine blaue Fahne wies es aus, die an der Maschine vergeblich zu flattern versuchte. Das Tuch aber bewegte sich kaum, denn so schnell ging es bei uns ja nun auch nicht vorwärts. Über den Sprechfunk des Krades hörten wir, wie vorn gefightet wurde. Es fielen die Namen Hüneke, Speckmann. Nur von dem späteren Sieger Reinshagen sprach keiner.

Mich plagte inzwischen nicht nur die Strecke, sondern auch das schlechte Gewissen. Denn eigentlich durfte ich das Rennen gar nicht mitlaufen. Vier Tage vor dem Start hatte ich mich dazu überredet, am Marathon teilzunehmen. Ich rief in Duisburg an und wollte für meinen Düsseldorfer Verein, bei dem ich Handball spiele, nachmelden. Natürlich kam mein plötzlicher Einfall mit so viel Verspätung, daß bei diesen deutschen Meisterschaften keine Startnummer mehr frei war. So fuhr ich auf gut Glück nach Wedau, ging zum Stellplatz, als gehöre ich dazu – und siehe da, im Umkleideraum lag eine Startnummer doppelt herum: 499. Diese Zahl heftete ich mir auf den Rücken. Schon beeilte sich ein Funktionär mir zu sagen, daß ich unbedingt zum Start müßte: "Es geht los, was machen Sie überhaupt noch hier?"

Irgendwie wurde ich lange das Gefühl nicht los, der Polizist neben mir könne meinen Schwindel erfahren. Als wir etwa an Kilometer 18 waren, kamen die ersten schon von der Wendemarke zurück. Das gab endlich neue Beschäftigung für das bald austrocknende Gehirn. Nach über einer Stunde führte Hans Hüneke, der Favorit. 150 Meter dahinter dampfte die dichte Verfolgergruppe. Einige davon sahen sehr frisch aus, andere aber jagten mir einen gewaltigen Schrecken ein. "Liegen meine Augen auch so tief, gucke ich auch so fanatisch?" fragte ich ängstlich meinen nun zum Freund gewordenen Motorradbegleiter. "Nein, so schlimm ist es nicht", kam es tröstend zurück. – "Noch nicht", fügte er nach einer Pause murmelnd hinzu.

Die Leute an der Strecke hatten indes schon sehr früh Mitleid mit mir. Das spürte ich. Wenige lachten, als ich antrabte, andere meinten es mit Anfeuerungsrufen gut. Mir war der Rückstand eigentlich nur wegen des Polizisten peinlich. Der kam aus dem ersten Gang nicht heraus, und ich erwartete, daß er ob des unausbleiblich hohen Benzinverbrauchs jeden Moment tanken müßte. Ich sagte zu ihm, es hätte wirklich keinen Zweck mit mir, er solle ruhig vorfahren. "Ich weiß Ihre Leistung zu würdigen. Ob ich bei Ihnen oder weiter vorn hinter dem letzten herfahren muß – das bleibt gleich." Der Mann ist sehr fair, kam es mir in den Kopf, als ich diese Worte aufnahm. Fürwahr ein Freund – aber leider kein Helfer.

Kurz vor dem Wendepunkt stand das Ortsschild "Düsseldorf". Zum ersten Male nutzte ich eine Verpflegungskontrolle. Apfelsinen-Vitamine gaben mir neue Kraft, nachdem ich zwischendurch schon an Aufgabe dachte. Der Trab wurde wieder etwas lebendiger. Und dann kam mein größter Augenblick während des ganzen Rennens: Bei Kilometer 31 holte ich zwei Fußgänger ein, die Nummer 711 und die Nummer 1202. Es war in Duisburg-Großenbaum um 18 Uhr 40, über zweieinhalb Stunden nach dem Start. Jetzt hatte ich endlich die dem Polizisten längst versprochene Gesellschaft.

Die Nummer 711 besaß von uns dreien noch die meiste Kraft. Obwohl sie jede Verpflegungsstelle scheinbar über Gebühr nutzte, verblüffte der Mann jedesmal mit einem neuen wilden Anritt. Ab Kilometer 35 waren die Nummer 1202 und ich allein. Es war sieben Uhr, ich kämpfte wieder mit dem Aufgeben. Die Nummer 1202 sagte im Frankfurter Dialekt: "Ich kumm ans Ziel, un wanns uff alle Viere is. Ich muß um halb acht do sei. Es is weje de Mannschaft." Für fast acht Kilometer blieb ihm noch eine halbe Stunde.