Von Heinz D. stiukmann

An der Vorstadtvilla steht "Hotel Haus Falkenstein". Es ist eine Pension. Es gibt hierzulande viele Pensionen, die sich Hotel nennen. "Hotel" macht sich besser, besonders was den Preis anbetrifft – zugunsten der Wirtin natürlich.

Außer Pensionen, die sich "Hotel" nennen, gibt es noch "Hotel-Pensionen". Und drittens haben wir noch Pensionen, die schlicht "Pension" heißen. Die Unterschiede sind gering, ich habe sie nie begriffen. Ich spüre sie aber immer am Geldbeutel. So nehme ich an, das wird der Sinn der Sache sein.

Allesamt – wie sie auch heißen mögen – unterscheiden sie sich klar in zwei Gruppen: die persönlichen und die unpersönlichen. "Hotel Haus Falkenstein" gehört zur Gruppe der unpersönlichen. Ich frage nach einem Einzelzimmer. Die Falkenstein-Wirtin sagt: "Es sind nur noch Doppelzimmer frei." Pause... "Ich würde es ihnen billiger lassen." Was heißt billiger? "20 Mark!" Nun möchte ich das 20-Mark-Zimmer sehen. Die Wirtin wird merklich kühler; Besichtigungen sind in den 20 Mark nicht einbegriffen. Die Wirtin läßt erkennen: Sie, Verehrter, können sich wohl kein 20-Mark-Zimmer leisten? Auf solche Gäste, läßt die Wirtin durchblicken, legt "Hotel Haus Falkenstein" keinen Wert. Denn "Hotel Haus Falkenstein" ist ein vornehmes Haus – was Name und Preis durchaus zu erkennen geben.

Ich wiederum bin nicht so vornehm, daß ich einen Zwanzigmarkschein in fragwürdige Dinge investiere. Aber der Tag war hart und die Fahrt lang. Die Hotels der Stadt, in denen es gute Zimmer für 20 Mark gibt, sind überfüllt ("Die Ärzte tagen!"), und ich bin müde, zu müde, um in einem vierten Haus nachzufragen. So bekomme ich Zimmer 1, direkt neben dem Eingang, für 20 Mark. "Mit Dusche" erläutert die Wirtin nachträglich.

Sie läßt mich das Anmeldeformular ausfüllen, übergibt mir Haus- und Zimmerschüssel und ist verschwunden. Ich weiß aus den Erfahrungen mit solchen Häusern, daß ich sie erst am Morgen wiedersehen werde – mit der Rechnung in der Hand. So trage ich zwei Koffer, ein Tonbandgerät, eine Schreibmaschine, eine Aktentasche ins Haus – allein.

Im Zimmer 1 fällt mir als erstes die transportable Duschkabine auf, Marke "Nixe" aus Resopal, die unübersehbar ins Zimmer ragt. Das – denke ich – ist wohl 20 Mark wert, daß ich meine Duschkabine im Zimmer umhertragen kann. Vielleicht sollte man sie neben das linke Bett stellen, wo ohnehin Nachttisch- und lampe fehlen. Vorhanden sind: zwei Betten, eine Frisiertoilette und ein Nachttisch in Gelsenkirchner Barock, Stil 1951, ziemlich lädiert, ein Schlafzimmer-Kronleuchter mit fünf Flammen, aber dennoch trübe, eine Nachttischlampe, eine fehlende Fensterscheibe, Stil 1945 – nämlich durch Papier ersetzt, eine hellgrüne Liege mit dunkelgrüner Wolldecke, drei Perserteppiche (anscheinend aus Düren, wo die meisten Perserteppiche herkommen), zwei Kunststoffteppiche, ein Plasticpapierkorb, ein Bild 20 mal 50 cm, ein runder Tisch – alles in allem eine Zusammenstellung in Stil und Farbton, die von sechs verschiedenen Auktionen stammen muß. Außerdem gibt es einen Stuhl. Klar: die Ehefrau muß sovieso stehen, der Geliebten liegt man sowieso zu Füßen. Und dann hängt da noch ein Preisschild: "Einzelzimmer DM 20 – Doppelzimmer DM 30 – Bedienungszuschlag 15 Prozent."