Von Kai Hermann

Dortmund, im August

Willy Brandt wandelte Bibel und Wilhelm II. b: "Heute sage ich. Euch: Der Sieg ist zum Greifen nah." Doch während der Kanzlerkandidat fast 30 000 Gläubigen im kolossalen Rund der Dortmunder Westfalenhalle Hoffnung und Zuversicht für den Endkampf um Wählerstimmen zu geben suchte, war die Dolchstoßlegende schon lange erfunden: Willy Brandt wird der SPD den Sieg kosten.

Dortmund sollte die Legende vergessen machen. An dem Ort, wo Ludwig Erhard eine Woche früher weniger Applaus bekommen hatte als Konrad Adenauer wurde Brandt mit trotziger Begeisterung empfangen. Sein Teint schien brauner, der geglättete Haarkranz silbriger denn je. Und passend dazu hatte man ihm eine "staatsmännische" Rede gemacht. Pointe folgte auf Pointe – aber kaum eine zündete. Die Kulisse, die man ihm gebaut hatte, war gewaltig – aber der Hauptdarsteller wurde vor ihr zum Statisten. Die Rolle war fehlbesetzt. Der Akteur schien sie nicht einmal gelernt zu haben.

Lächeln nicht mehr erlaubt

Da hatte der Wahlkampfleiter der Sozialdemokraten, Karl Garbe, eine geniale Idee gehabt. In der Westfalenhalle stand eine riesige Leinwand, auf die Fernsehkameras das Profil des Redners in tausendfacher Vergrößerung projizierten. Auch noch die Claque auf dem "Heuboden", die den Original-Brandtkopf, stecknadelkopfgroß, im Zigarettenqualm kaum mehr ausfindig machen konnte, sah auf dem Riesenbildschirm jede Falte, jeden Schweißtropfen, jede Bewegung im Gesicht des Kanzlerkandidaten. Die Projektion ins Riesenhafte, bisher noch nie in den Wahlkämpfen der Welt praktiziert, gab dem Volkstribun Brandt ungeahnte Möglichkeiten. Aber hatte ihm irgend jemand auf diese Möglichkeiten aufmerksam gemacht? Wußte er überhaupt etwas von dem gewaltigen Ebenbild hinter sich? Brandts Augen klebten am Manuskript. Das Gesicht blieb starr. Eine halbe Stunde lang kein Lächeln.