Zum Gastspiel des Berliner Ensembles in London

Von Rudolf Walter Leonhardt

Vorher gab es drei Versionen. Version eins: Die Engländer können mit Brecht überhaupt nichts anfangen.

Version zwei: Brecht ist in England Mode geworden.

Version drei: Gewiß, Brecht war Mode, aber eben doch nur eine Mode, und jetzt hat er fürs erste ausgespielt.

Der durch die Widersprüche nahegelegte Verdacht, keine dieser drei Versionen sei wahr, wird durch den Augenschein widerlegt. Im Gegenteil: alle drei Versionen sind wahr, und eine vierte dazu.

Brechts Angriffe auf die Gesellschaft trafen in England wenig. Gewiß gab es Arme und Reiche, Überprivilegierte und Unterprivilegierte auch dort, aber es gab kein dramatisches Aufeinanderprallen der Gegensätze. Falls von einem "Klassenkampf" überhaupt die Rede sein konnte, wurde er spätestens seit MacDonalds erster Labour-Regierung, seit mehr als vierzig Jahren also, im Parlament ausgetragen und nicht auf der Straße. Ostentativer Prunk der Reichen war ebenso selten wie mitleidheischendes Elend der Armen. Die Kommunistische Partei wurde nie verboten oder gar verfolgt – und spielte nie eine Rolle. Als Brecht geboren wurde, hatten die Engländer ihre soziale Revolution schon lange hinter sich.