Otto Lasch: Zuckerbrot und Peitsche. Ein Bericht aus russischer Kriegsgefangenschaft – 20 Jahre danach. Ilmgau Verlag, Pfaffenhofen; 202 Seiten, 10,80 DM.

Am 12. April 1945 gab der Wehrmachtsbericht bekannt, die Festung Königsberg sei von ihrem Festungskommandanten, dem General der Infanterie Otto Lasch, den Bolschewisten übergeben worden. Der General sei "wegen feiger Übergabe an den Feind" zum Tod durch den Strang verurteilt, seine "Sippe werde haftbar gemacht". Die Frau und die älteste Tochter des Generals wurden in Dänemark inhaftiert, die im Oberkommando des Heeres beschäftigte jüngere Tochter und ein Schwiegersohn im Gestapokeller der Prinz-Albrecht-Straße von der Gestapo festgesetzt, doch überlebten sie alle den Krieg. Der General hatte am 10. April 1945 den Marsch in die Gefangenschaft angetreten, aus der er im Herbst 1955 entlassen wurde. Seine Schilderungen des Kampfes um Königsberg erschienen 1959 und charakterisieren ihn als einen Berufsoffizier, der vor allem eine präzise Darstellung der militärischen Ereignisse zu geben wünscht. Die Schrecken, denen die Stadt nach der Eroberung ausgesetzt war, werden nur angedeutet, das persönliche Schicksal des Generals tritt hinter den Ereignissen zurück.

Ganz anders in dem nach zwanzig Jahren veröffentlichten Bericht aus russischer Gefangenschaft, der als Band 1 einer von Hendrik van Bergh herausgegebenen Buchreihe "Das Dokument" bezeichnet ist. Der General, eine brennende, der Plünderung und Verwüstung preisgegebene Stadt hinter sich lassend, erlebt wie alle seine Soldaten und ostpreußischen Landsleute den Verlust seiner Habe, doch auch heute, nach zwanzig Jahren, beklagt er diesen Vorgang, beschreibt ausführlich, wie er von seinen Adjutanten, seiner Ordonnanz und seinem Gepäck befreit worden sei von "russischer Soldateska", und es streift ihn kein Gedanke daran, daß Millionen von Europäern in deutschen Lagern saßen, solange die Wehrmacht siegte, und er nichts anderes erlebte als viele Königsberger, die hilfloser waren als er.

Nicht nur seine Klagen über persönlich erlittene Unbill in der Gefangenschaft, die immerhin zum Berufsrisiko eines Offiziers gehörte, wirken peinlich, es verwundert auch, mit welchen dürftigen intellektuellen Mitteln sich der General mit der Vergangenheit auseinandersetzt. So stellt er sich die Frage nach dem sogenannten "Versagen des deutschen Soldaten in der Gefangenschaft" und kommt zu dem Ergebnis: "Wir haben uns den Kopf darüber zerbrochen, ob wir etwas falsch gemacht hätten, ob wir die Schuld trugen. Zu einem Resultat sind wir nicht gekommen."

Sein Weg führt ihn über Moskau, Workuta, Asbest, Wojkowo und andere Lager, er wird durch ein Scheinurteil zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, 1955 in die Bundesrepublik entlassen. Die hier gebotenen Möglichkeiten, sich ein reiferes politisches Urteil zu erarbeiten, bleiben ungenutzt. Es habe den Offizieren, schreibt er zum Thema Hitler, niemand verdenken können, daß sie begeistert zustimmten, als "eines Tages ein Mann auftrat und soldatische Tugenden, Vaterlandsliebe und Wehrwillen wieder auf den Schild hob". Die älteren Offiziere seien dann zwar vom Bonzentum angewidert gewesen, doch schließlich "außerstande, ihn zu verhindern, in den Zweiten Weltkrieg hineingerutscht". Als er verlorengegangen war und die Generale in der Sowjetunion hinter Stacheldraht saßen, wurden sie "verpflegungsmäßig aus der Masse der Kriegsgefangenen herausgehoben", sie erhielten täglich Butter, Weißbrot und pro Kopf 20 Zigaretten.

Der Verfasser berichtet das ohne Kommentar, rühmt aber an anderer Stelle Soldaten, die "ihr letztes Stück Brot mit früheren Vorgesetzten geteilt haben". Wer geglaubt haben mag, daß Schmerz über vergeblich geopferte Soldaten, Trauer um zerstörte Provinzen, Scham über den eigenen Mangel an politischem Instinkt und Zweifel an sich selbst zum Gepäck eines in der Sowjetunion gefangenen Generals gehört haben müssen, der hat sich geirrt – jedenfalls, was die Erinnerungen des Generals Lasch betrifft: ihm sind nie Zweifel gekommen, auch nicht nach zwanzig Jahren. Mit ihrer Veröffentlichung ist ihm und uns kein guter Dienst erwiesen worden.

Hannsferdinand Döbler