In Bayern, so behaupten böse Zungen seit langern, könne ein Unternehmen von einiger Größe nicht sterben, auch wenn es jahrelang glücklos am Rande des Abgrunds dahinschlittert und Millionensummen verschlingt. Die bedingungslose Treue angestammter Aktionäre und schließlich die hilfreichen Hände des Staates, so meint man, würden in letzter Stunde immer wieder das Schlimmste abwenden. Waren es zu Anfang dieses Jahrzehnts die Bayerischen Motoren Werke, die für diese These das Anschauungsmaterial lieferten, so beanspruchen heute die Aschaffenburger Zellstoffwerke AG in ähnlicher Weise das Interesse der Öffentlichkeit.

Doch der Unterschied zwischen beiden Firmen ist offenkundig: Die BMW waren trotz der florierenden Automobilkonjunktur in Not geraten, weil es zunächst an einer klaren Konzeption und einer zielbewußten Leitung fehlte, und wurden dann aus eigener Kraft von den Aktionären und neuen Männern an der Spitze saniert. Der bayerische Staat half erst dann mit einer Bürgschaft nach, als das Unternehmen bereits wieder in voller Fahrt und und die erste Dividende in greifbarer Nähe war.

Auch bei Aschzell verloren die Aktionäre einen beträchtlichen Teil ihres Kapitals. Aber vorher und nachher "mußte" der Staat mit Bürgschaften und Krediten eingreifen; erst kürzlich hatte man erneut versucht, beim bayerischen Finanzministerium weitere Millionen flüssig zu machen. Die prekäre Situation der Gesellschaft, die nach dem Krieg nur zweimal Dividende gezahlt hatte (zuletzt vier Prozent für 1957), ließ sich zunächst weithin mit der ungünstigen konjunkturellen Entwicklung in der Zellstoffindustrie erklären, die unter der liberalen Handelspolitik der Bundesregierung gegenüber der übermächtigen skandinavischen Konkurrenz besonders litt. Auch die Zellstofffabrik Waldhof kam zeitweise der Verlustzone bedenklich nahe und mußte zwei Jahre (1962 und 1963) mit der Dividende aussetzen.

Aber während Zellwald die Branchenkrise meisterte, verfing sich Aschzell immer tiefer in Millionenverlusten. Nach einem Kapitalschnitt im Verhältnis 3:1 im Jahr 1963 sollte die neue Papiermaschine in Stockstadt als Markstein der überstürzten "Flucht nach vorn" endlich die ersehnte Konsolidierung bringen. Sie wurde aber gerade die Quelle neuer Verluste (bisher 18 Millionen DM, davon allein im vergangenen Jahr 14 Millionen). Die Affäre dieser Maschine sicherte dem Unternehmen eine aufsehenerregende Publizität. Ein Vorstandsmitglied der schwergeprüften Bayerischen Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LFA), die allein mit 32 Millionen DM als Aktionär und Darlehensgeber bei Aschzell engagiert ist, seufzte: "Es ist nicht, zu glauben: wir können zwar Raketen zum Mond schießen, aber offenbar keine Papiermaschine hinstellen, die einwandfrei läuft..."

Die meisten Aschzell-Aktionäre denken ähnlich. Sie können nicht verstehen, daß die Lieferfirma dieser Maschine, die Black Clawson International Ltd., so jämmerlich versagt hat. Auch Aschzell-Vorstandsmitglied Norbert Lehmann gab jetzt endlich in der Hauptversammlung offen zu, daß diese Firma ihre vertraglichen Verpflichtungen "leider nur schleppend und unvollständig erfüllt" habe. Obwohl der Vertrag bestimmte Leistungsgarantien enthielt, gelang es nicht, auch nur annähernd die garantierte Menge in einwandfreier Qualität zu produzieren.

Die Laufzeit erreichte 1964 nur 70 Prozent der normalerweise zu erwartenden Betriebsdauer, berichtete Lehmann. "Da sich die Stillstände und Störungen in Intervallen von Minuten und Stunden einstellten, darf man diese Zahl aber nicht so verstehen, als ob Perioden des mehrtägigen Laufs mit mehrtägigen Unterbrechungen wechselten, sondern das Betriebspersonal wurde durch tägliche und stündliche Störungen und Schwierigkeiten bis zur Grenze der physischen Belastbarkeit in Atem gehalten." Rund ein Drittel des Jahres sei die Maschine "untauglich" gewesen.

Muteten diese Bekenntnisse angesichts des angeblich "internationalen Renommees" der Lieferfirma. schon höchst verwunderlich an, so wurde die ganze Misere dieser Maschine erst deutlich, als der Kleinaktionär Dipl.-Ing. Ihle in der Hauptversammlung schonungslos die Wahrheit über Stockstadt berichtete. Die Werksleitung hatte ihm eine eingehende Besichtigung gestattet. Der Techniker Ihle sparte nicht mit Details: "Die Zuleitungen für den Zellstoff waren falsch dimensioniert und gelegt. Die Schweißnähte waren nicht bearbeitet, so daß der Werkstoff darin hängenblieb. Das Schüttelaggregat war nicht in Ordnung. Da ist ganz großer Mist geliefert worden."