Bonns Untersuchungshäftling Nr. 1 wartet auf eine Kaution von 12 Millionen Mark

Bonn

In der Haftanstalt beim Landgericht Bonn sitzt seit mehr als neun Monaten ein prominenter Untersuchungshäftling, dessen Fall immer wieder Schlagzeilen gemacht hat: der Wiener Rechtsanwalt Professor Hans Deutsch. Ihm wird vorgeworfen, die Bundesrepublik um über 17 Millionen Mark geschädigt zu haben. Um den Fall Deutsch ist es erstaunlich ruhig geworden; weder sind bis jetzt die zwölf Millionen Mark Kaution aufgebracht worden, nach deren Hinterlegung Professor Deutsch von der Haft verschont bleiben würde, noch steht ein Verhandlungstermin an.

Am 3. November des letzten Jahres war Deutsch auf den Stufen des Finanzministeriums in Bonn verhaftet worden. Der 58jährige Anwalt wollte gerade 17,4 Millionen Mark als zweite Rate der Entschädigung für seine Mandanten abholen, für die – in der Schweiz lebende – ungarische Familie Hatvany. 17,6 Millionen Mark hatte Deutsch schon vorher kassiert; 5,6 Millionen Mark davon hatte er als „Erfolgshonorar“ selber behalten. Insgesamt sollte sein Honorar 14 Millionen Mark betragen.

Der Münchner Schriftsteller Frank Arnau, der sich mit dem Fall eingehend befaßt hatte, erkannte schon im vergangenen Dezember: „Die erheblichsten Zweifel richten sich nicht nur gegen den ungemein fähigen – allem Anschein nach zu allem fähigen – Makler-Anwalt, sondern gegen die durchaus unhaltbare Art der amtlichen Stellen, ohne deren verantwortungsarme Behandlung dieser Angelegenheit ein „Fall Deutsch’ mit einem Schaden von 17,5 Millionen Mark für die öffentliche Hand einfach niemals hätte entstehen können.“

Deutsch, vom österreichischen Kultusministerium zum Professor h. c. ernannt und in Wien schon als Hochschul-Senator im Gespräch, gilt als finanzieller Retter der österreichischen Zeitschrift „Forum“. Obendrein stiftete er einen „Europa-Preis“ von 60 000 Franken, der erstmals 1963 – an den spanischen Philosophen Salvador de Madariaga – vergeben wurde. Im November 1964 sollte Frankreichs Kultusminister André Malraux den Preis erhalten, doch wurde die Feier abgesetzt, weil der Stifter vorher verhaftet wurde. Deutsch, der mit Israels Ministerpräsident Levi Eschkol gut bekannt sein soll, ist israelischer und österreichischer Staatsangehöriger. Sein Hauptwohnsitz ist bei Lausanne.

Professor Deutsch vertrat unter anderem die Interessen der französischen Familie Rothschild und der polnischen Familie Radziwill. Als Anwalt in rund 35 Wiedergutmachungsfällen soll er „Erfolgshonorare“ von über 100 Millionen Mark eingenommen haben. Deutschen Anwälten ist die Annahme solcher Beteiligungshonorare nicht gestattet.