Bonn, im August

Voraussichtlich im Oktober dieses Jahres wird sich Werner Pätsch, ehemaliger Angestellter des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln, vor dem Dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe verantworten müssen. Die Anklage wirft Pätsch vor, im Jahre 1963 Unbefugten, darunter Journalisten, geheime Einzelheiten über Organisation und Arbeitsweise des Verfassungsschutzes und über bestimmte Einzelfälle mitgeteilt zu haben. Pätsch habe Amts- und Staatsgeheimnisse vorsätzlich preisgegeben und damit das Wohl der Bundesrepublik fahrlässig verletzt. Im März 1965 hatte der Generalbundesanwalt Anklage gegen Pätsch erhoben, Anfang August eröffnete der Dritte Strafsenat das Hauptverfahren.

Werner Pätsch, Sohn eines Polizeibeamten, gehörte dem Bundesamt in Köln seit Ende 1956 an. Er war als Sachbearbeiter in jener Abteilung IV (Spionageabwehr) tätig, die während der Telephon-Affäre im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik und des Bundestags-Untersuchungsausschusses stand. Zwei Wochen, nachdem die ZEIT erstmals über die Abhör-Praktiken des Verfassungsschutzes berichtet hatte, Anfang September 1963, war Pätsch aus dem Amt verschwunden. Ende September 1963 meldete er sich über seinen Rechtsanwalt bei seiner Behörde. Pätsch ließ damals mitteilen, daß die ihm bekannten Methoden der Brief- und Telephonkontrolle des Kölner Bundesamtes gegen das Grundgesetz verstießen; eine weitere Mitarbeit habe er nicht vor seinem Gewissen verantworten können. Später ergänzte er, daß infolge einer technischen Panne ein Überwachter zu Post und Polizei gelaufen sei. Aus Angst vor einer Strafanzeige habe er, Pätsch, sich an Dr. Augstein gewandt. Pätschs Bekenntnisse gegenüber seinem Rechtsanwalt sind übrigens nicht Gegenstand der Anklage.

Verfassungsschutz-Präsident Schrübbers kündigte seinem Angestellten am 15. Oktober 1963 fristlos. Pätsch klagte gegen die Entlassung vor dem Arbeitsgericht in Köln, bisher ohne Erfolg. Die Verhandlung wurde bis zum Abschluß des Strafverfahrens ausgesetzt.

Schon beim Verschwinden und Auftauchen von Pätsch, beim Beginn des sofort eingeleiteten Ermittlungsverfahrens und bei der Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung im Januar 1964 wurde immer wieder behauptet, Pätsch habe auch der ZEIT Informationen geliefert. Das war jedoch nie der Fall. Pätsch stand bis heute niemals mit der ZEIT oder einem ihrer Mitarbeiter in irgendeinem Kontakt. Dagegen meldete die „Allgemeine Zeitung“ in Mainz im Januar 1964 offenbar richtig: „Pätsch hat den ‚Spiegel‘ über die Aktivität des Verfassungsschutzes beim Abhören von Telephonen und öffnen von Briefen informiert.“

Fest steht, daß Werner Pätsch in einem Fernseh-Interview über seine Abhör-Tätigkeit berichtete – in einem Interview mit „Panorama“, das allerdings nie ausgestrahlt wurde.

Dafür veröffentlichte der STERN unter der Überschrift „P. hört nicht mehr mit“ im Oktober 1963 den wesentlichen Inhalt des Fernseh-Interviews nebst Photos und vollem Namen von Pätsch. Der entlaufene Verfassungsschützer schilderte unter anderem handfeste Fälle aus seiner Abhör-Praxis mit den Alliierten und berichtete, wie er amerikanische Schwachstromtechniker an Ort und Stelle geführt und ihnen beim Anzapfen von Telephonleitungen zugeschaut hatte.