Seefahrt tut not, pflegten meine Eltern friiher zu Haus zu sagen und blickten dabei nachdenklich zum Fenster hinaus. Wir Heutigen sind da bescheidener, verniinftiger geworden, sicher auch eleganter: Wassersport ist mein Hobby, konnte ich in einer solchen Stunde nur erwidern. Am Wasser hangts, zum Wasser drangts — der Mensch soil da entstanden sein.

Also wirklich: Es geht nichts iiber Wassersport. Und nichts geht beim Wassersport iiber Wasserski — selbst auf dem Main. Der Flufi ist besser als sein Ruf. Oben ist manches braun und olig, und innen soils ziemlich tot sein, aber bei Fiinfzig merkt man das eigentlich nicht mehr. Bei Fiinfzig fliegt man iiber alle toten Fische elegant wie ein Delphin hinweg. Kennen Sie das nicht? Das glitscht und schaumt weifi auf, das spriiht und spritzt bei Fiinfzig wie auf einem Prospekt von Florida. Ein Gefiihl von Triumph ist dabei. Es ist wunderbar, so zwischen Frankfurt und Offenbach dahinzugleiten: Fabriken am Rand, Coca Cola und Pepsi, und den kraftigen Geruch eines Volvo, eines Scott, eines Mercury oder Westbend steif in der Nase — viel Wasser, viel Schaum, viel Ol zwischen den Beinen, manchmal ein Stuck Holz, das hart aufschlagt — erst ein Motor von 75 PS gibt das Gefiihl vollkommener Sicherheit.

Hinterher Siegesgefiihle, Ermattung, Ruhe und Rast und des Abends gemiitlicher Plausch am Biertisch. Alle Wassersportler sind eine verschworene Gemeinde. Das hangt und klebt aneinander, hilft sich, gibt Bohrer dahin und Zangen dorthin und sitzt lange im Rumpf, zahlt die Schrauben im Holz, betrachtet mifitrauisch die Latten oder riihrt besinnlich eine Leimfarbe ein. Erfahrungsaustausch und Ratschlsige: die Glasscheibe nur in Bremen bei Wasserlos bestellen — ist fiinfzig Mark billiger als hier. Keinen Teer nehmen, sondern Polyester, wird hart wie Stein. Kann einfach nicht brechen. Man spricht iiber Ascherbolzen, Rutschkuppelung und Fragen der Ankervertauung — im Wassersport gibt es immer etwas zu reden. Da fummelt man immer herum: Das ist zu machen und jenes zu holen, und der Nachbar weifi Rat, und spater dann hocken sie alle zusammen, hocken plotzlich alle bei mir im Boot, uneingeladen, wissen, dafi hier was zu trinken steht, blinzeln manchmal zum Himmel und beginnen Geschichten zu erzahlen. Das ist meistens so kurz nach sieben. Abenddammerung fallt iiber den Taunus ein.

Auf solche Weise bin ich mit meinem Volk verbunden, bin volksverbunden jeden Sommer, und jeden Sommer ists immer das gleiche. Ist Volkes Stimme Gottes Stimme, wie wir in der Schule lernten? Es mufi ein sonderbarer Gott sein, der Gott der Deutschen im Bootshaus Fritz. Die Nachbarn wechseln von Saison zu Suson. Einer ist umgezogen, einer hat seinen Kahn verkauff, aus Berlin sind diesmal zwei Neue zugekommen. Des Abends hocken sie wieder zusammen und erzahlen Geschichten. Es sind inmer dieselben Geschichten, nur die Erzahler wecnsein. Sie suchen Nahe, Warme, Zusammenhalt — das ist nur natiirlich. Man ist eine verschworens Gemeinde, sagen sie. Wir miissen zusammenhalten, sagen sie, das ist doch klar. Wo drei Dentsche sind, ist allemal ein Verein, sagen sie. Und kchen dazu etwas verschmitzt.

Nein, sie singen keine Lieder. Auch wenn sie angeheitert sind, grohlen sie kaum, und ehrlich: Niemand trauert dem Hitler nach. Das ist jetzt weg und vorbei — eine Handbewegung: ,Nu lafi das schon!" Die Sache ist viel komplizierter. Wir sind allemal unpolitisch, das ist unsere erste Regel. Von Politik wird nicht gesprochen, sagen sie, heben beschworend die Hande, und jemand fegt mit dem Armel Brotreste vom Tisch. wollen uns hier erholen", sagt ein anderer. ,Die da oben machen mit uns ja doch, was sie wollen Der neben mir nickt stumm mit dem Kopf, sagt kein Wort, schiebt sich die Pfeife mit iiberlegener Ruhe zwischen die Zahne. Also gut, nicht iiber Politik — vielleicht iiber Sex? Man lacht, warum nicht, das versteht sich, das liegt bei Mannern sozusagen nahe, Sex macht uns alien Spafi, natiirlich. Die Blonde driiben von dem Campingplatz, auch die Kellnerin gibt beim Servieren des Bieres einiges her. Das Gesprach flammt eine Weile auf, einer beginnt toll zu flunkern, aber dann fallt es ab, verrutscht irgendwie, versickert so langsam. So recht kommt das mit dem Sex nicht in Gang. Bootsfahrer sind keine faunischen Naturen. Sie sind wohl zu kiihl. Dem Wasser, nicht dem Fleisch gehort ihre Leidenschaft. Sind sie zu mutterfixiert? Geflunker, Gelachter und etwas Verlegenheit: Zwei Doornkaat bitte, Prost, Katzchen, dann Schweigen, und jemand wischt sich mit dem braunen Unterarm den weifien Bierschaum kraftig vom Mund — und plotzlich kippt das Gesprach um und ist mitten drin. Merkwiirdig, alle Stammtischgesprache in Deutschland beginnen so harmlos und nett mit Skat, mit Bier, mit Sex oder Motorschaden: Zum Schlufi werden sie immer politisch. Das fallt nach drei oder vier Bier wie ein Meteor heimtuckisch vom Himmel, ist plotzlich da, man weifi nicht woher und wohin. Keine Tagespolitik, das ist schon wahr. Ob der Barzel oder der Erler, das nicht, das interessiert niemanden, die machen mit uns ja doch, was sie wollen. Wir Bootsfahrer haben mehr den Blick fiirs Allgemeine und sprechen gern weltpolitisch. Am Stammtisch rundet sich alles zum Ganzen, Weltgeist geht da im Doornkaat mit um. Man hat so seine Erfahrungen und spaten Einsichten. Die werden nun wach, drangen hoch. Im Bootshaus Fritz bricht das alles plotzlich aus.

Sie haben em besonderes Verhaltnis zur Natur — das ist es ,Demokratie", sagt der von der Bundesbahn (mittlerer, gehobener Dienst), ,schon und gut fiir die anderen, sehr gut. Aber geben Sie zu: Uns Deutschen ist die einfach nicht angeboren!" Sie halten es immer mit der Geburt, der Abstammung und der Rasse — jetzt anders herum. Sie sehnen sich so nach dem Gesunden: Das Blut steckt tief in ihnen ,Es gibt eben starke und schwache Volker", sagt einer, ,das ist wie auf dem Sportplatz: die Weltgeschichte Und ein anderer plotzlich: ,Wissen Sie, warum wir den Krieg verloren haben?" Nein, ich weifi es nicht, ich schiittele den Kopf. ,Na, weil wir schon viel zu dekadent sind, wir Deutschen Er spricht das Wort dekadent richtig fremdlandisch aus ,A ja", sage ich, ,ist das bei uns so emgesickert?" — ,Na ja", sagt er, ,viel zu dekadent, ich weifi das doch aus dem Kriege Ich bitte um Erlauterung, schenke Weingeist nach, und der andere sagt: ,Na, denken Sie nur an die Russen, ich kenne die von damals; die sind so gesund, unverschamt gesund. Und auch die Amis sind unverschamt gesund, alles Boxer und Cowboynaturen. In der Geschichte siegt immer der Starkere. Das ist doch nur logisch " Es mufi ein sonderbarer Gott sein, der Gott der Deutschen im Bootshaus Fritz. Sie haben einen stillen Hang zur Biologie, die Deutschen, eine ungliickliche Liebe zur Natur, zum Dschungel, zur blonden Bestie: Der Nietzsche ist in ihnen alien. Sie sehnen sich so nach der Kraft und dem Wilden und beginnen unversehens von den Russen zu schwarmen, unpolitisch natiirlich. ,Haben Sie bei denen mal das Gebifi gesehen? Was die fiir Zahne haben und Unterkiefer: wie Wilde. Da konnen wir doch einpacken. Die fressen nur Schwarzbrot und brauchen rein nichts, die Iwans. Die laufen doch noch mit gebrochenem Riickgrat weiter Besinnung, Erinnerung, Zustimmung im Kreis ,Unverschamt kraftiges Volk, die Russen", bestatigt die Runde nach einer Weile, und ein anderer fiigt knapp hinzu: ,Da war nichts zu machen " ,Und Gesellschaft?" frage ich vorsichtig zuriick. Ich meine: Hat Macht und Politik nicht auch was mit Gesellschaft zu tun, mit Technik und Industrie und Produktion und so?" Sie sehen mich erstaunt und ratios an. Das pafit irgendwie nicht, das geht hier nicht ein. Auch Nietzsche pafite das nicht. Dann lachelt einer, lachelt so warmherzig und treu, wie nur Deutsche lacheln konnen, einfach lieb und gar nicht dekadent, und sagt ganz vertraulich: ,Gesellschaft? Ne, Herr — das sind doch blofi die da oben!" Sie sagen, wir brauchen jetzt wieder Vaterland. Viele sagen das jetzt bei uns: der Gerstenmaier, der Erhard, der Liibke, der Mende und — in die Toga akademischerLatinitatgehiillt— sagts auch der Carlo Schmid: Vaterland sei jetzt vonnoten. Der Gerstenmaier ruft manchem, der seinen Stuhl raumt und sefaen Hut nimmt, in Bonn laut nach, er habe sich urn das Vaterland verdient gemacht. Das hallt weit durchs Land und kommt wieder zuriick. So werden uns feine Exempel gegeben, sanfte und vaterliche Vermahnungen zur Jahreswende, zum Weihnachtsfest, zum 17. Juni und so: wir Deutschen, wir Trager der Freiheit, wir Rufer nach Menschenrecht in verzagter Zeit — wir sollten jetzt unserer Jugend die nationalen Werte zuriickgeben — nach zwanzig Jahren.

Professoren differenzieren da doch, sie sind immer subtiler. Padagogische Professoren unterscheiden deutlich zwischen dem Wahren und Falschen. Sie sprechen kritisch von einem sauberen Nationalgefiihl, zu dem unsere Twens zu erziehen seien. Ich horte das neulich auf einem Kongrefi, wo immer so kluge Manner um einen Tisch sitzen: Man musse ein schlimmes und ein sauberes Nationalgefiihl unterscheiden, und das letztere sei nun vonnbten. Mir klang das Wort seltsam im Ohr: Es erinnert mich so an die saubere Leinwand und die saubere Atombombe; alles wird immer sauberer bei uns. Auch Stalin sauberte ja gerne. Lange habe ich nicht gewufit, was das ist: ein sauberes Nationalgefuhl. Seit gestern abend habe ich eine Vermutung. Gestern abend traf ich Professor R. Er kam aus den Staaten, er kam aus New York und hatte trotz dreifiig Jahren Amerikanisch noch immer diesen singenden, Wiener Ton zwischen den Lippen. So etwas yerwischt sich schwer; ich merkte gleich, dafi er Dsterreicher war. Und ich fragte Professor R, der aus Wien war und seit bald dreifiig Jahren in New York lebt und jetzt auf dem Wege in die DDR fur einen Abend in Frankfurt Station niachte, wie das denn bei ihm mit dem Vaterland sei. Sei er nun Amerikaner? Sei er Osterreicher? Oder fiihle er sich vielleicht als Israeli? Man konne doch schliefilich das Vaterland nicht einfach so wechseln — sagt man bei uns. Ich weifi nicht, ich habe so eine Art zu fragen, so direkt und unverbliimt. Ich bringe die Leute immer irgendwie gegen mich auf und merke es zu spat. Der Ulbricht wiirde wohl sagen, es sei eine Provokation, wie ich frage. Vielleicht hat er recht. Ich will immer eine Entscheidung, eine Position, ein Bekenntnis provozieren, ich mochte immer der Sache auf den Grund gehen, da s ist wohl mein deutsches Erbe — natiirlich. Und auch Professor R, der mit mir eigentlich nur etwas plaudern wollte, fiihlte sich provoziert und wurde nun bitter ernst. Er hatte eben noch heiterironisch von den vielen Krankenschwestern erzahlt, die mit ihm im Flugzeug nach Frankfurt gesessen hatten, weil doch hier morgen der Weltschwesterntag beganne. Ein ganzes Flugzeug voll nurses mit Haubchen und weifien Schiirzen, die nach Deutschland ans Krankenbett eilen, er fand das sehr lustig: Der Liibke wiirde das morgen fruh in der Kongrefihalle eroffnen. Das feine, ironische Lacheln erstarb um seinen Mund, als ich das mit dem Vaterland fragte, er richtete sich streng auf, legte die Hande flach auf den Tisch und sagte: ,Was heifi| denn Vaterland, lieber Freund? Bei mir war das so: Die sagten in Osterreich eines Tages zu mir, dafi ich kein Mensch sei, sondern irgend etwas darunter: ein Untermensch oder ein Blutsauger oder eine Wanze — das war 38. Da bin ich aus diesem Lande gegangen ,Na und?" frage ich, ,reicht das, um Amerikaner zu werden?" Ja", sagt er, ,das reicht, das reicht wirklich, das ist iiberhaupt das einzig Entscheidende. In New York nahmen sie mich auf, und die New Yorker sagten zu mir: das mit der Wanze sei falsch, ich sei ein Mensch. Sie liefien mich Mensch sein. Sehen Sie, dort ist mein Vaterland "" - - Frankfurt ist eine gute Stadt fiir solche nachtlichen Gesprache. Es ist eine Messestadt: Banken, Kaufleute und Nutten bestimmen hier rund um den Bahnhof das Klima. Das ergibt eine ehrliche und klare Luft. Hier gibt es nur Realitaten und keinen Schmus. Man kann sich in dieser Stadt ganz ohne gesamtdeutsche Triibung ins Auge blicken. Und die Hotels der mitderen Kategorie, wo Leute wie Professor R absteigen, sind alle von unbeschreiblicher Ahnlichkeit. Die Hauser heifien Imperial oder Continental oder Royal und sind innen auch so. Man kann die Speisesale soldier Hauser laufend wechseln und sitzt doch immer im gleichen Saal, und die gleichen Italiener legen einem die gleichen Speisekarten vor. Man nimmt dann immer einen WhiskySoda. Das hat alles etwas von einem Wartesaal Erster Klasse. Eine grofie Drehscheibe ist Frankfurt. Man kommt und unterbricht und fiihrt morgen wieder weiter — nicht mehr.