Von Heinz Kremp

Der Antrag einer deutschen Firma auf Genehmigung einer Investition in Frankreich wird abgelehnt. Französische Industrieverbände verschicken an ihre Mitglieder Rundschreiben, in denen sie diese auffordern, Maschinen und Ausrüstungen nur noch in Frankreich zu kaufen. Das ist die neueste "achetez français"-Kampagne, die sich auch gegen deutsche Unternehmen richtet. Nicht nur das. Auch die carte de commerçant, die alle Geschäftsführer der Niederlassungen ausländischer Gesellschaften in Frankreich besitzen müssen und die auf Drängen der Brüsseler Kommission zum Frühjahr dieses Jahres für EWG-Unternehmen abgeschafft wurde, wurde zeitweise wieder verlangt.

Werden durch derartige Vorfälle die deutschfranzösischen Wirtschaftsbeziehungen bestimmt? Sieht so die Praxis der gerade von französischer Seite immer wieder beschworenen Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen beider Länder aus?

Ein Blick auf die Entwicklung des Handels zwischen den beiden Ländern zeigt, daß die Zusammenarbeit so schlecht nicht sein kann. Frankreich wurde im vergangenen Jahr der bedeutendste Handelspartner der Bundesrepublik. Waren im Werte von 13,7 Milliarden Mark wurden 1964 nach beiden Seiten über den Rhein transportiert. 1955, also zehn Jahre vorher, waren es erst 3,9 Milliarden Mark Güter. Allein im vergangenen Jahr wuchs der Warenaustausch um mehr als 17 Prozent. Damit ist es Frankreich gelungen, die USA, die viele Jahre hindurch die erste Position im deutschen Außenhandel innehatten, auf den zweiten Platz zu verweisen. Umgekehrt ist die Bundesrepublik schon seit langer Zeit der wichtigste Lieferant Frankreichs und Abnehmer französischer Waren.

Einen Nachteil hatte diese Entwicklung allerdings für Frankreich: sie brachte Frankreich seit neun Jahren ein ununterbrochenes Defizit in der Handelsbilanz. Es wurden ständig mehr deutsche Waren nach dem Westen geliefert als von dort bezogen. Einen gewissen Ausgleich hierfür brachte zwar die Dienstleistungsbilanz, die vor allem aus dem Touristenverkehr gespeist wurde. Doch seitdem die Franzosen die Bundesrepublik als Reiseland entdeckt haben, ist auch hier Gefahr im Verzuge. F

Es ist nicht richtig anzunehmen, daß die deutschen Importe aus dem "Agrarland" Frankreich vorwiegend aus landwirtschaftlichen Erzeugnissen bestünden. Nur 20 Prozent der Einfuhr entfallen auf derartige Artikel. Im Vordergrund steht der Bezug von Fertigwaren, deren Anteil sich am Gesamtimport von 38 Prozent im Jahre 1955 auf 57 Prozent im abgelaufenen Jahr erhöhte. Die deutschen Ausfuhren übertreffen diese Sätze allerdings beträchtlich: sie lagen zu den gleichen Zeitpunkten bei 53 beziehungsweise 77 Prozent. Die deutsche Agrarausfuhr nach Frankreich hat sich demgegenüber auf eine Quote von 3 Prozent eingependelt. Dennoch konnten die Bemühungen, im Feinschmeckerland Frankreich deutsche Lebensmittelspezialitäten unterzubringen, in letzter Zeit manchen Erfolg verbuchen. Würstchen, Wein und Bier finden dort zunehmend Liebhaber, und das deutsche Wort "Bierabend" geht allmählich in den französischen Sprachschatz ein.

Eigentliches Indiz für den Stand der wirtschaftlichen Verflechtung ist aber die Aktivität im industriellen Bereich. So sind 15 000 deutsche Firmen in Frankreich vertreten, 600 Gesellschaften unterhalten dort eigene Niederlassungen. In Deutschland zählt man demgegenüber nur 300 Filialen französischer Unternehmen, während über die Zahl der Vertretungen keine genaueren Schätzungen vorliegen. Die unterschiedliche Dynamik im Auslandsgeschäft ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die französische Industrie erst seit wenigen Jahren beginnt, exportbewußt zu werden. Außerdem macht sich teilweise die verschiedenartige Exportstruktur bemerkbar. Während für die Ausfuhr deutscher Anlagegüter oftmals ein eigenes Vertriebsnetz unumgänglich ist, können sich die Franzosen beim Vertrieb ihrer Exportwaren – vor allem Konsumgüter – des gut eingespielten deutschen Verteilerapparates bedienen und auf eigene Niederlassungen verzichten.