Wenn ich auch keinen Gelehrten kenne, der meine Meinung zu stützen vermöchte (wie sollte er – ein Mann – auch dazu imstande sein?), so bin ich doch völlig sicher: In mancher Hinsicht sind Männer einfach dumm. Ganz bestimmt sind sie es aber, wenn sich eine Frau auf das Spiel einläßt, das hieran Betracht steht.

Nehmen wir – der Abwechslung halber – einmal an, es sei der Mann, der den Anstoß zum Spielen gibt. Wer wüßte nicht unter den Frauen, wie die Eröffnung aussieht? In leuchtenden Farben schildert er die Nächte, in denen er bei der letzten Safari unter hohen Sternen wachte; mit jungenhaftem Eifer entfesselt er ein Feuerwerk von Pointen aus dem letzten Klatsch von Literatur und Politik, von Fernsehen und Film; beiläufig, ganz beiläufig erwähnt er, daß er mit dem Bundeskanzler auf vertrautem Fuße stehe, selbstverständlich auch mit der Callas und mit Herbert von Karajan; in noblem Understatement läßt er einfließen, daß er nicht mit Geld umzugehen verstehe, und unvermittelt mischt er Komplimente in das Gespräch, die jede Frau erröten lassen (und erröten lassen sollen). Keine Frau der Welt ist so dumm, daß sie nicht begriffe, welchem Ziel diese Anstrengung dient: Er möchte sie gern in den Arm nehmen.

Nun: Gegen eine solche Absicht ist ja mitunter durchaus nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Schon als er zur Tür hereinkam, fragte sich die Frau, erschrocken und beglückt zugleich, wie es wohl wäre, wenn sie sich an seine Schulter lehnen dürfte und von ihm gestreichelt würde. Ihretwegen sind die intensiven Bemühungen nicht nötig. Ihre sensible Witterung hat längst einiges vom Wesen dieses Mannes erfaßt, seine Sicherheit, seine Großmut, seine Kraft. Nun regen sich aber in jeder Frau auch mütterliche Empfindungen. So sieht sie ihm lächelnd zu, dem großen Jungen, und läßt ihn gewähren. Mitunter rührt sie sein Eifer sogar, manchmal schmeichelt es auch ihrer Eitelkeit, daß dieser Mann – und es ist ein Mann von Format, das versteht sich – sich solche Mühe gibt. Mag sie ihn wirklich, so ermuntert sie ihn auch, in eben der Weise, die Albrecht zur Mühlen skizziert hat.

Doch dann pflegt der Mann aus der Rolle zu fallen: Sein Eifer steigert sich zum Übereifer, seine Huldigung wird langsam bedrängend, seine Verehrung schlägt in Verlangen um. Und plötzlich ist er, der so sicher und selbstbewußt schien, alles andere als gerade dies. Mütterliche Nachsicht ist es, die mich daran hindert, hier auszubreiten, was eine Frau nun registrieren muß. Jedenfalls reden die Anzeichen eine deutliche Sprache. Und eins ist sicher: Damit wird der Spielraum eingeengt, der Spielraum, den die Frau – das ist nun einmal ihre Lust – mit diskreten Andeutungen und offenherzigen Enthüllungen, jedenfalls mit wechselnden und nuancenreichen Bewegungen ausfüllen, möchte. Blitzt nun sogar Zorn in seinen Augen auf oder verdunkelt sich sein Blick vor Enttäuschung, weil ihm nicht sogleich gewährt wird, wonach er verlangt, so erlischt unter Umständen die ursprüngliche Zuneigung, so daß eine Frau in der Tat fähig ist, sich kühl und reserviert, so zum Beispiel, als sei sie überhaupt nicht an dem Spiel beteiligt, einer belanglosen Sache zuzuwenden oder gar einem anderen Manne, einem Manne, an dem ihr nicht eben viel liegt. Sie empfindet die Ungeduld als unfair.

Die Gründe dafür sind leicht einzusehen:

Ausnahmsweise ist es ein Mann, auf den ich mich jetzt berufen kann, ein Gewährsmann also, Gregor von Rezzori. Er schreibt: "Liebe, so sagt der Moralist Chamfort, Liebe ist die Berührung von zweierlei Haut – das wissen wir; aber er fügt noch hinzu: und der Austausch von zweierlei Phantasie." Darum – so meint mein Gewährsmann – spiele die Verzögerung eine entscheidende Rolle. "Kluge Frauen – ich meine: Frauen, die von Geblüte klug sind, weibliche Frauen mit einem Wort – wissen das und geben uns (den Männern!) Zeit zur Entfaltung unserer Phantasie."

Zeit zur Entfaltung der Phantasie... das ist es, woran einer Frau liegt. Sie möchte mit ihrer Einbildungskraft, der lebhaften, umspielen dürfen, was sich da anbahnt, sei es nun zaghaft oder stürmisch, es sozusagen anreichern mit farbigen Bildern, lebendigen Gefühlen, reizvollen Einzelheiten. Aus dem Überfluß der Empfindungen soll erwachsen, was beide, der Mann wie die Frau, ersehnen. Auch vom Manne erhofft sie, daß er des Spiels der Phantasie fähig sei. Insgeheim wünscht sie sich, seine Gedanken, Vorstellungen und Gefühle möchten ihre Gestalt und – mehr noch – ihr Wesen umspielen. Häufig scheint es ihr nun so, als ob Männer diese schönen Möglichkeiten menschlicher Begegnung verschmähen oder – sie nicht begreifen. Sind Männer phantasielos? Nun: Dann sind sie auch dumm.

Sie sind es wirklich: Mitunter meinen Männer nämlich, die Verzögerung sei nichts anderes als eine raffinierte Taktik der Verführung, eines Widerstandes, der nichts anderes beabsichtigt, als den Wert der Frau ins rechte Licht zu rücken. Immerhin weiß Gregor von Rezzori es besser: "Es geschieht am lautersten und schönsten unbewußt – oder sagen wir besser: unreflektiert, aus einem Urwissen heraus, das sich (selbst heute noch!) die Gestalt der Schamhaftigkeit gibt – nicht der Ziererei des Gänschens, freilich, auch nicht der Sprödigkeit der Koketten, sondern einer zarten, in aller Offenheit wachsamen Scheu vor der seelischen Intimität der ersten Hand – einer Scheu, die die Möglichkeit tieferer Vertraulichkeit ahnen läßt."