Von Gottfried Sello

Daß die Zeit für eine gerechte Beurteilung der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts gekommen sei, ist eine recht fragwürdige These, von einem Verlag offenbar zu dem Zweck aufgestellt, für ein Buch zu werben, das propagandistische Hilfe gar nicht nötig hätte. Das Urteil über vergangene Kunstepochen wird von anderen Faktoren bestimmt als einer um Objektivität bemühten Gerechtigkeit, emotionale Momente kommen ins Spiel, Sympathien und Idiosynkrasien, man sucht nach tatsächlichen oder vermeintlichen Übereinstimmungen oder einfach nach dem Reiz, mit dem eine vernachlässigte und übersehene Epoche die Neugier stachelt und den Prozeß einer Neubewertung einleitet, der darauf hinausläuft, in einer vermuteten Einöde künstlerisches Leben zu entdecken.

Die deutsche Malerei des neunzehnten Jahrhunderts, die auf weite Strecken als öde und unansehnlich gegolten hat, ist ein ergiebiges Terrain für geistige, auch schon geschäftliche Spekulationen. Der Kunstmarkt hat ein sicheres Gefühl für potentielle Wertsteigerungen. Die Preise für Bilder der Düsseldorfer und Münchner Schule, die noch vor zehn Jahren nicht abzusetzen waren, gehen in die Höhe. Die Museen sichten ihre Bestände. Bilder, die im Magazin verschwunden waren, kehren in die Schausammlung zurück. Namen, die noch vor kurzem verketzert waren, gewinnen neuen Glanz. Die Böcklin-Ausstellung 1964 war dafür symptomatisch. Die führende englische Galerie für moderne Kunst ist dabei, eine Makart-Ausstellung vorzubereiten. Unter den vielen wissenschaftlichen und volkstümlichen Publikationen, die sich neuerdings mit der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts befassen, ist die Tendenz unverkennbar, sie mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen, vergessene oder unterschätzte Künstler zu Wegbereitern und Vorläufern zu deklarieren. Man betrachtet die Malerei unter dem Gesichtspunkt, ob sie einen Ansatz, gleichsam einen "Steigbügel" für die heutige Malerei bietet.

Nicht nach der Steigbügel-Methode arbeitet Siegfried Wichmann, Oberkonservator an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und Organisator der großen Münchner Ausstellungen "Aufbruch zur modernen Kunst" und "Sezession", in seinem Text- und Bildband –

Siegfried Wichmann: "Realismus und Impressionismus in Deutschland", Bemerkungen zur Freilichtmalerei des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts; Schuler Verlagsgesellschaft, Stuttgart; 186 S., mit 64 Farbtafeln und 10 Schwarzweißabb., 48,– DM.

Es handelt sich nicht um den Versuch einer Gesamtdarstellung der deutschen Malerei des neunzehnten Jahrhunderts, die, je näher man herantritt, den Anschein eines einheitlichen Stilcharakters und einer logisch faßbaren Entwicklung verliert und mit ihren heterogenen Tendenzen, Schulen und Programmen ähnlich chaotisch anmutet wie die des zwanzigsten. Künstler der gleichen Generation vertreten konträre Ziele, Wichmann bringt eine lange Liste solcher Antipoden: Menzel und Spitzweg, Schwind und Rayski, Böcklin und Lenbach, Leibl und Liebermann.

Als "gemeinsamen Nenner" für diese unterschiedlichen Größen und Absichten empfiehlt er die Freilichtlandschaft, ein überraschender und anfechtbarer Vorschlag, der dann freilich im Lauf der Untersuchungen an Überzeugungskraft gewinnt. Freilichtlandschaft – das ist ein sehr eingeschränkter Ausschnitt; gerade die auffälligen, die typischen Leistungen und Fehlleistungen des Jahrhunderts sind damit ausgeschlossen: das Genrebild, das Historienbild, das Porträt. Mit diesen Themen beschäftigte sich die offizielle Malerei der Akademien, die von den Freilichtmalern entschieden bekämpft wurde. Von der Härte dieser Auseinandersetzung, von ihren wirtschaftlichen, politischen, weltanschaulichen Konsequenzen macht man sich heute keine Vorstellung. Wichmann zitiert das berühmte Kaiserwort, mit dem Kaiser Wilhelm II. sich als Kunstdiktator in den Streit einschaltete: "Bei mir werden die Freilichtmaler ein hartes Leben haben, ich werde sie unter meiner Rute halten." Sogar in der Tagespresse wird während der neunziger Jahre gegen die Freilichtmalerei erlitten polemisiert.