Von Dietrich Srotthmann

Hans Werner Richter (Herausgeber): Plädoyer für eine neue Regierung oder Keine Alternative. Rororo-Taschenbuch 782; 205 Seiten, 2,20 DM.

Carl Nedelmann und Gert Schäfer (Herausgeber): Politik ohne Vernunft oder Die Folgen sind absehbar. Rororo-Taschenbuch 781; 159 Seiten, 2,20 DM.

Grob gesprochen, widersprechen die beiden Bändchen einander, wo sie doch harmonisieren sollten. Heißt es im Nachwort des zweiten recht eindeutig: "Erhard fördert durch seine Hilflosigkeit das Verlangen nach einem wirklichen Führer", so fällt das Urteil im ersten gar nicht so eindeutig aus: Wer vermag in den Reihen der SPD-Mannschaft diese "Führerschaft" überhaupt für sich in Anspruch zu nehmen, wer aus diesem Kreis verfügt über solche hervorstechenden Qualitäten?

Wer sich an die Vorworte der Herausgeber hielt, konnte erwarten: Das "Plädoyer für eine neue Regierung" der 24 Schriftsteller decke sich fugenrein mit den zehn streitbaren Thesen der zehn Jungwissenschaftler zur "Politik ohne Vernunft". Weit gefehlt. Das "Plädoyer", dessen Untertitel "Keine Alternative" in Anlehnung an das Bändchen "Die Alternative oder brauchen wir eine neue Regierung?" (1961) diesmal kategorischer formuliert wurde, läßt die Antwort offen, ob Brandts Mannen, kämen sie nur an die Macht, eine Politik mit Vernunft betrieben. Die Schriftsteller haben da mehr begründete Zweifel als die Universitätsassistenten. Nicht einmal Günter Grass, der doch als Gebrauchslyriker unmißverständlich rief: "Ich rat Euch, Es-Pe-De zu wählen", bricht in schieren Propagandistenjubel aus. In seiner Regieanweisung zu seinem "Spiel in einem Akt" heißt es mit ironischspöttischem Unterton: "Da die Tendenz dieses Stückes ohnehin SPD-freundlich ist, darf die skeptische Grundstimmung betont und – auf Wunsch – übertrieben werden."

Von denen jedenfalls, die sich an dieser Porträtgalerie beteiligten, ist keiner mehr so ganz des Lobes voll wie vielleicht noch vor vier Jahren. Auch die von ihnen Gezeichneten haben ihre Schattenseiten, und wo der eine oder andere nicht in das parteiamtliche Konzept paßt – Otto Brenner als Sozialminister (Hochhuth), Carl Friedrich von Weizsäcker als Atomminister (Fichte) –, mag derlei Wahlhilfe den Bonner Baracken-Strategen nicht einmal genehm sein. Sie stiftet am Ende nur Verwirrung, wo sie doch eher aufklärend wirken sollte. Das Ungenügen an der Opposition, der leise Unmut über das Schielen um fast jeden Preis nach dem Mitregieren schlägt sich selbst bei den SPD-Getreuen unter den Porträtisten als Verdrossenheit, halbherzige Zustimmung ("Wenn schon, denn schon") nieder. Zwischen den Zeilen blitzt zumeist mehr Kritik, Bedenken, Warnung vor dem Bonner SPD-Konzept der Annäherung durch Wandel auf als vorbehaltlose Reverenz, eindeutige, unmißverständliche Begeisterung: Der und kein anderer... Lobhudelei findet nicht statt. Erhards "Pinscher" sind so kleinkariert nicht; sie bellen oder jaulen nicht, weil es so ihre Art ist. Sie plädieren im Grunde für das kleinere Übel.

Wobei sowieso Zweifel angebracht sind, ob derlei Versuche, einer Partei unter die Arme zu greifen, ihr ein Sprungbrett herzurichten, von großem, kalkulierbarem Nutzen sein werden. Das Wahlvolk macht sein Kreuz gewiß nicht in den Kreis, auf den Grass oder Augstein mit dem Finger zeigen. Noch weniger dürfte es auf das Votum weithin unbekannter Doktoren achten, die der CDU mit wissenschaftlicher Akribie ans Leder gehen. All das wird am 19. September ohne Nachhall bleiben.