Von Anatol Johansen

Ein Mensch kann sich allerhöchstem fünf Tage im Zustand der Schwerelosigkeit unter Weltraumbedingungen aufhalten. Dann ist er unweigerlich zum Tode verurteilt." Mit dieser Behauptung schockierte der Präsident des internationalen Verbandes der Biochemiker, der belgische Professor Marcel Florkin, im Dezember des vergangenen Jahres Raumfahrtwissenschaftler in Ost und West. Der Gelehrte aus Lüttich ging sogar noch weiter und meinte, daß es witzlos wäre, einen Menschen zum Mond zu schicken, weil er bei seiner Ankunft tot sein würde.

Das heftige internationale Echo auf seine Ausführungen veranlaßte Florkin zu einem Brief an die in Lüttich erscheinende Zeitung "La Meuse", in dem es heißt: "Ich habe nicht erfunden, daß Menschen nicht länger als fünf Tage an Bord eines Satelliten im schwerelosen Zustand ohne Gefährdung ihres Lebens im Weltraum bleiben können. Ich habe nur wiederholt, was jeder weiß."

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA hat sich jedoch von den pessimistischen Prognosen Florkins und anderer nicht beeindrucken lassen. Der Verlauf des Unternehmens "GT-5", des dritten bemannten Gemini-Flugs, wird zeigen, ob die Mondlandung von Menschen tatsächlich Utopie bleiben muß. Acht Tage lang sollen die Astronauten Gordon Cooper und Charles Conrad die Erde 121mal in einer Flughöhe von 160 bis 366 Kilometer umrunden. Den bisherigen Dauerflugrekord im Weltall hält der sowjetische Kosmonaut Valerij Bykowsky, der die Erde im Juni 1963 in fünf Tagen 82mal in einer einsitzigen "Wostock"-Kapsel umkreiste.

Freilich ist der "Gemini-Titan-5"-Flug von der NASA nicht auf acht Tage festgelegt worden, um den russischen Rekord um drei Tage zu überbieten. Das gewagte Unternehmen soll vielmehr deshalb so lange dauern, weil acht Tage jene Zeitspanne ist, die man für die erste Reise zum Mond, eine kurze Erforschung der Mondoberfläche und die Rückkehr zur Erde benötigt. Der dritte bemannte Gemini-Flug – er wird nur deshalb als "Gemini 5" bezeichnet, weil zwei unbemannte Testflüge der zweisitzigen Gemini-Kapseln bei der Zählung mitberücksichtigt werden – wird damit nicht nur zum gefährlichsten, sondern auch zum wichtigsten aller bisherigen amerikanischen Raumflüge, denn er wird endgültig zeigen, ob die menschliche Konstitution der Schwerelosigkeit für die Dauer einer Mondreise gewachsen ist.

Für das Unternehmen GT-5 ist keine "extravehicular activity" geplant, es wird also diesmal keiner der Piloten aus der Kapsel aussteigen. Statt dessen sollen Cooper und Conrad unter verbesserten technischen Bedingungen das Rendezvousmanöver versuchen, das beim letzten Gemini-Flug nicht funktioniert hat. Das Raumschiff wird einen kleinen, 36 Kilo schweren Versuchssatelliten REP (Rendezvous Evaluation Pod) mit Hilfe eines Federmechanismus ausstoßen, der den Satelliten um 1,5 Meter pro Sekunde schneller werden läßt als das Raumschiff. REP ist mit Blinklichtern, Batterien, Antennen und einem Radar-Rückstrahl-Verstärker, der das Anpeilen des Satelliten erleichtern soll, ausgerüstet.

Raumschiff und Versuchssatellit fliegen unabhängig voneinander um die Erde, und wenn sich ihr Abstand auf rund 75 Kilometer vergrößert hat, sollen die Gemini-Piloten versuchen, ihr Raumschiff bis auf etwa sechs bis sieben Meter Abstand an REP heranzusteuern. An eine weitere Annäherung oder gar an die Herstellung einer Verbindung zwischen Gemini 5 und dem Satelliten ist jedoch nicht gedacht.