Los Angeles, im August

Es begann mit einem harmlosen Zwischenfall, wie er sich in jeder Großstadt der Welt dutzendfach ereignet: Eine Polizeistreife wollte im Negerviertel von Los Angeles einen Fahrer wegen Trunkenheit am Steuer festnehmen. Es endete mit dem blutigsten Rassenaufruhr Amerikas seit Jahrzehnten, der 35 Menschen das Leben kostete, die Krankenhäuser mit 800 Verletzten und die Gefängnisse mit fast 3000 Plünderern und Heckenschützen füllte.

Der Ausbruch des Rassenfanatismus spielte sich ab in einer Stadt, die in ihrem Nordteil – in Hollywood – Illusionen am laufenden Band produziert. Hier aber zeigte sich amerikanische Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, vor der viele Amerikaner noch immer die Augen verschließen wollen. Eines der ungezählten Negergettos der amerikanischen Industriegesellschaft, der Bezirk ein Gebiet von hundert Straßenblocks verwandelte sich in den Kriegsschauplatz des Rassenzwistes, die Rauchwolken aus tausend Bränden hingen finster nicht nur über Los, Angeles – sie hingen über ganz Amerika.

Wo sind die Ursachen? Wo gibt es Schuldige? Warum mußte dies Ereignis gerade jetzt eintreten – eine Woche nach dem Inkrafttreten des neuen Wahlgesetzes, das den drei Millionen farbigen Nichtwählern im Süden zu ihrem Recht verhilft, ein Jahr nach der Verabschiedung des großen Bürgerrechtsgesetzes zur Gleichstellung der Neger, mitten in Johnsons Krieg gegen die Armut, der vor allem ein Feldzug zur Linderung sozialer Mißstände in den Negerslums und unter den Jugendlichen ist? Wie konnte es geschehen, wo doch alle Bemühungen der Bürgerrechtsorganisationen getragen sind von der Idee der Gewaltlosigkeit?

Amerika gibt sich heute auf diese Frage viele Antworten, aber sie zielen auf die Symptome – nicht auf die wirklichen Ursachen. Zwar stimmt es, daß erstens die lange sommerliche Hitzewelle Nervosität und Gereiztheit gesteigert hat, daß zweitens Hunderte von jungen schwarzen Rowdys mehr und mehr Unruhe verbreitet haben und daß drittens die Lebens- und Wohnverhältnisse für die Farbigen auch in Los Angeles in letzter Zeit immer schlechter geworden sind – besonders seit monatlich etwa tausend Neger aus den Slums von Harlem und Südchikago hereingeströmt sind.

Andererseits kann man nicht sagen, daß die Diskriminierung in Los Angeles besonders schlimm gewesen sei. Diese Rassenexplosion fand statt im "Palmengetto" mit seinen hunderttausend Menschen, die zwar dichtgedrängt, aber zum großen Teil doch in Einfamilienhäusern wohnen. Die Betonung liegt aber eben nicht auf Palmen, sie liegt auf Getto. Und so geschah dann das Unglück, weil hier wie in allen amerikanischen Gemeinden der Neger physisch und seelisch "gettosiert" bleibt, getrennt von der weißen Gemeinschaft wie eh und je – ein Paria auch dort, wo er Millionär oder Botschafter seines Landes wird. Joachim Schwelien