Uns droht die Englische Krankheit / Von Gercl Bucerius

Artikel 113 soll also nicht angewandt werden. Das Kabinett Erhard weicht feige vor dem vermeintlichen Druck der Wähler zurück. Die Regierung habe damit die letzte Gelegenheit verpaßt, die Bundesfinanzen zu sanieren, lamentierte MdB Alex Möller, der Finanzexperte der SPD. Das ist richtig und zugleich der Gipfel der Heuchelei; die SPD hat weiß Gott das ihre zur Ausgabenflut beigetragen.

Finanzminister Dahlgrün wiederum will uns vormachen, der nächste Bundestag käme ohne Steuererhöhung aus. Alle Parteien, blind im Eifer des Wahlkampfs, schwindeln ihren Wählern vor, der Marsch ins Paradies könne immer so weitergehen: 20 Jahre nach Kriegsende haben wir die höchsten Löhne, die niedrigste Arbeitszeit und die größten Sozialleistungen in der EWG – bei, nicht zu vergessen, Milliarden-Subventionen.

So wurde der Donnerschlag überhört, der vorige Woche aus Frankfurt kam: in einer Woche (vom 2. bis 6. August) verlor die Bundesbank fast 600 Millionen Gold und Devisen. In vielen Jahren fleißiger Arbeit haben wir einen Devisenschatz von etwa 30 Milliarden gesammelt, viel, aber nicht zuviel für ein Land, das für fast 60 Milliarden DM im Jahr importieren muß.

Die teuren Deutschen

In diesem Jahr allein werden wir von jenem Devisenschatz wahrscheinlich 5 Milliarden einbüßen. Warum? Wir sind zu teuer geworden: unsere Löhne und Gehälter sind zu hoch, unsere Arbeitszeit ist zu kurz, unsere Nachbarn sind fleißiger und bescheidener – im sozialistischen Schweden zum Beispiel arbeitet man 45 Stunden, wir aber greifen nach der 40-Stunden-Woche "mit vollem Lohnausgleich". Ausländische Waren, die aus all diesen Ländern billiger sind als unsere, strömen ins Land; es ist aus mit dem Exportüberschuß vergangener Jahre, und der Devisenvorrat schwindet dahin.

Weil es uns allen so gut geht, reisen wir nicht innerhalb Deutschlands, sondern wir fahren nach Mallorca, Palermo, Jugoslawien, Griechenland ... Das kostet im Jahr 1965: 2,5 Milliarden Devisen. Weil wir nicht genug für Bildung und Forschung ausgeben, müssen wir ausländische Patente und Lizenzen kaufen: 1965 für 500 Millionen. Und jetzt werden die Zuschüsse für die Wissenschaft auch noch gestrichen. Für einen kurzen Wahlrausch knallen wir unsere Zukunft in die Luft.