"Die größte Geschichte aller Zeiten" (USA; Verleih: United Artists): Dies ist nun innerhalb kurzer Zeit schon der zweite Christus-Film, der unlängst seine glanzvolle "kontinentale Erstaufführung" erlebte: Auf die Verfilmung des Matthäus-Evangeliums durch den italienischen Literaten und Regisseur Pier Paolo Pasolini folgte die aufwendige Hollywood-Version des Neuen Testaments, verfertigt in vieljähriger Arbeit von dem Routinier George Stevens ("Shane"). Ein Vergleich zwischen den beiden Filmen bietet sich an; und man muß sagen, daß er eigentlich nur zugunsten Pasolinis ausfallen kann, ja daß er die relativen Qualitäten des italienischen Films noch nachträglich ins Bewußtsein bringt. George Stevens geht es in seinem Film ganz primär um den spektakulären Effekt, die große Schau. Er läßt unabsehbare Statistenmassen auftreten, bringt gigantische Dekors vor die Kamera, breitet postkartenartige Landschaftspanoramen auf der Leinwand aus. Wohl mag man dem amerikanischen Film seinen guten Hauptdarsteller konzedieren (Max von Sydow verleiht der Rolle Christi zuweilen sogar Eindringlichkeit), wohl mag man auf das gelegentliche artistische Raffinement seiner Kameraarbeit hinweisen. Aber Regie und Photographie bleiben bei Stevens doch immer in Äußerlichkeiten stecken. Wo Pasolini die Erscheinung Christi, seine Taten und Reden an den Gesichtern der mit ihrer Umgebung wie verwachsen scheinenden Menschen spiegelte, flüchtet sich Stevens ins dekorative Arrangement der Schauspieler, in schwelgerische Farbeffekte. Und am Schluß, wenn der auferstandene Christus von Wolkennebeln allmählich eingehüllt wird und ein gemaltes Christus-Bild in segnender Pose mit den Zügen Max von Sydows auftaucht, dann versinkt die amerikanische Verfilmung vollends im Kitsch.

Ulrich Gregor