Der neue amerikanische UN-Botschafter Arthur Goldberg gab am Montag einen Einstand, der ihm mit einem Schlage viele Sympathien unter den UN-Delegierten sicherte. Auf seinen Vorschlag vollzogen die USA in der Finanzkrise der Vereinten Nationen eine Schwenkung um 180 Grad. Sie wollen nicht länger auf Bestrafung der säumigen Zahler (Sowjetunion, Frankreich und elf andere) bestehen, so daß die UN-Vollversammlung wahrscheinlich im nächsten Monat nach einjähriger Zwangspause wieder mit regulärer Arbeit beginnen kann.

Schuld an der Krise war die Weigerung der Sowjets und der Franzosen, für die Friedensoperationen der UN im Nahen Osten und im Kongo Beiträge zu zahlen. Sie betrachteten den Einsatz der "Blauhelme" in diesen Gebieten als illegal, da er nicht vom Sicherheitsrat, sondern von der Vollversammlung beschlossen war.

Im Auftrag der US-Regierung hatte UN-Botschafter Adlai Stevenson im letzten Jahr hartnäckig verlangt, Moskau und Paris müßten entweder ihre Schulden (250 und 70 Millionen Mark) sofort begleichen oder auf ihr Stimmrecht in der Vollversammlung verzichten, wie es Artikel 19 der UN-Satzung bei mehr als zwei Jahren Zahlungsverzug vorschreibt. Da die Vollversammlung peinlich jede Abstimmung vermied, wurde sie praktisch beschlußunfähig.

Diese unerquickliche Situation wurde für die USA mittlerweile unangenehm, da sich die Mehrheit der UN-Mitglieder, aus Furcht vor einem Auszug der Sowjets und einem Zusammenbruch der Weltorganisation, die Rechtsauffassung der Sowjets zu eigen gemacht hatte.

Goldberg, dem schon als Anwalt nachgesagt wurde, er könne das scheinbar Unversöhnliche wieder zusammenbringen, rechtfertigte den Rückzug der USA mit der fehlenden Mehrheit in der Vollversammlung. Die befürchtete Kritik im US-Kongreß hielt sich in Grenzen. Einige Senatoren sprachen zwar von einem "schwarzen Tag für die Vereinten Nationen", andere fanden, den USA sei gar kein anderer Weg offengeblieben, es sei denn, sie wären aus der UN ausgetreten.

Allerdings hat auch die Sowjetunion einiges Entgegenkommen bewiesen. UN-Delegierter Morosow hat einen großen freiwilligen Beitrag zugesagt, der das Loch im UN-Säckel (400 Millionen Mark Defizit) stopfen soll.