Die beiden Chefs der größten deutschen Touristik-Unternehmen Touropa und Scharnow, Seifert und Degener, klopfen sich jetzt in Frankfurt mit Stolz an die Brust: Sie haben im Flugtourismus wieder einmal eine Saison der Superlative hinter sich gebracht, und das trotz des spekulativen Preiseinbruches branchefremder Versandhaus-Außenseiter in die privilegierten Tummelplätze deutscher Sonnensucher. Die Bilanz, die sie vorlegten, war in der Tat imponierend. Bis jetzt sind 137 000 Flugurlauber in die Maschinen der beiden Gesellschaften geklettert, Das sind 75 000 mehr als in der vorjährigen Saison. Nicht weniger als 45 Prozent wählten die Rennstrecke im Flugtourismus, die Reise zur deutschen Lieblingsinsel Mallorca. Überraschend taucht der Goldstrand von Bulgarien mit 15 Prozent der Teilnehmer bereits an zweiter Stelle auf, gefolgt von der spanischen Festlandküste (6,8 Prozent), Tunesien (5,3 Prozent), Griechenland (4,4 Prozent), Jugoslawien (4,4 Prozent) und Teneriffa. Zum Teil respektable Preissenkungen haben diese Entwicklung möglich gemacht. Konzentration und Koordination nennt man diese Zauberformel in den hochmodernen Reisezentralen von München und Hannover.

Erstmals nämlich wird eine Reise in das neugeschaffene Touristendorado Kenia unter tausend Mark angeboten. Einschließlich Flug und voller Verpflegung muß der Teilnehmer an diesem Scharnow-Trip über den Äquator 990 Mark seinem Reisebudget entnehmen. Noch vor zwei Jahren hätte man eine solche Preisprognose als kühne Utopie ins Reich der Fabel verwiesen. Dieser Bade-Urlaub an der Palmenküste des Indischen Ozeans kann beliebig ausgedehnt oder variiert werden. Wer 23 Tage lang in der Sonne liegen möchte, muß dafür 1290 Mark bezahlen. Safaris in die unerschöpflichen Wildreservate von Kenia und Uganda können je nach Temperament und Ausdauer von zwei Tagen bis drei Wochen unternommen werden. Man kann auf den Kilimandscharo klettern oder im Nationalpark von Serengeti Löwen photographieren. Derartige Exkursionen strapazieren den Urlaubsetat allerdings erheblich mehr. Die Preisskala endet bei 3480 Mark für die große Ostafrika-Safari. Als das Nonplusultra aller Fernwehsehnsüchte preist Touropa seine Badeferien in Malindi, einem gezeitenunabhängigen Sandstrand südlich von Mombasa. Kostenpunkt für Transport in der DC 7 C und Vollpension im Gesellschaftsvertragshotel "Blue Marlin" (laut Prospekt "garantiert Schweizer Küche") für 16 Tage 1145 Mark ab Frankfurt.

Damit den sonnenhungrigen Ostafrika-Besuchern die Zeit nicht zu lange wird, haben Manager im Auftrag von Touropa Kurzweil-Einrichtungen in jeder Form installiert. So kann man in Malindi Wasserskifahren und Wellenreiten, man kann zu den dem Strand vorgelagerten bunten Korallenbänken tauchen, man kann segeln und sogar Gast des Drift-Wood-Clubs sein. Diese Mitgliedschaft auf Zeit werden sich viele nicht entgehen lassen. Schließlich gibt es dort ein Helles, das von "deutschen Braumeistern gebraut" wurde. (Preis pro Flasche 1,20 Mark). Natürlich ist auch das Safari-Programm von Touropa anspruchsvoll und gibt im Angebot auch den Inhabern größerer Bankguthaben die Gelegenheit, sich von der Masse zu distanzieren. Daß nicht nur mittelständische Ferienkonsumenten die Gesellschaftsreisen der beiden Unternehmen buchen, ließ Scharnow-Chef Seifert dezent anklingen: "Die Oberklasse des Angebots wird immer stärker gebucht als die Unterklasse". Und er polierte noch weiter am Image der Reise-Unternehmen Touropa-Scharnow: "Wir pflegen die Individualreise und wollen keine Touristengettos schaffen."

Glaubt man den professionellen Managern, dann hat die große Zeit des Flugtourismus überhaupt erst begonnen. Erstmals können Urlauber mit schmaler Reisekasse in die bevorzugten Tummelplätze "privilegierter" Gesellschaftsschichten eindringen. Die radikalen Preissenkungen machen das möglich. Paradebeispiel dieser Unternehmenspolitik sind die Kanarischen Inseln. Ein 14-Tage-Aufenthalt in diesem "klassischen deutschen Winterparadies" bietet Touropa mit Flug, Übernachtung und Frühstück bereits für 487 Mark an. Wer dieses Arrrangement mit Vollpension wünscht, muß lediglich einen Hundertmarkschein drauflegen. Auf Teneriffa und Gran Canaria wurde die Bettenkapazität verdreifacht. Noch radikaler hat Scharnow die Preise für seinen großen Libanon-Trip gesenkt. Jet-Flug nach Beirut, Unterbringung in guten Hotels, volle Verpflegung kosten für einen 15-Tage-Aufenthalt 758 Mark. Nicht minder preiswert sind die Sonderarrangements. Der Tagesausflug nach Baalbek wird mit 34 Mark berechnet, eine Tour nach Damaskus kostet 54 Mark. Bei Touropa beträgt der Minimalpreis für Beirut nunmehr 765 Mark.

Aus dem Reigen des Angebots seien noch zwei Rosinen herausgepickt: In Tunesien interessant erscheint der Badeaufenthalt auf der Insel Djerba. Hier kann man auf den Pfaden von Phönizern, Vandalen, Spaniern und Berbern wandeln und am Strand der hunderttausend Palmen Ruhe und Einsamkeit genießen. Europäisches Highlife ist noch nicht bis hierher vorgedrungen. Der Aufenthalt auf dieser 500 Kilometer südlich von Tunis gelegenen Insel wird bereits ab 538 Mark angeboten. (Maximum 798 Mark bei Scharnow). Neu im Programm ist der Aufenthalt in der Oase Gafsa, mitten in der Wüste. Besondere Attraktion dieses paradiesischen Fleckchens sind die heißen Thermen. Die neuen Hotels in dieser alten Karawanserei haben natürlich Schwimmbad und Klimaanlage. (Preis bei Scharnow: 856 Mark Vollpension). hchm