Immer mehr Indizien sprechen dafür, daß die Moleküle der Zellsubstanz "Ribonukleinsäure" (RNS) eine wichtige Rolle bei der Speicherung von Gedächtnisinhalten im Gehirn spielen.

Der schwedische Forscher Holger Hydén und sein Kollege E. Egyhazi wiesen zuerst auf diese Möglichkeit hin, als sie in den Hirnzellen von Ratten, die bestimmte Kunststücke gelernt hatten, RNS-Moleküle einer chemischen Struktur fanden, wie sie im Gehirn undressierter Tiere nicht vorkommen.

Zu jenen Indizien gehört auch der berühmte Versuch des "Wurmologen" James V. McConnell von der Universität Michigan. Der Forscher hatte Plattwürmern beigebracht, sich von einer plötzlich aufblitzenden Lichtquelle abzuwenden. Als dieses Training beendet war, wurden die Tiere anderen, undressierten Plattwürmern zum Fraß gegeben. Nach dieser Mahlzeit zeigten nun einige der Würmer bei Lichtbestrahlung das gleiche Verhalten wie die Opfer ihres Kannibalismus. Im vergangenen Jahr erzielten C.Fried und S.Horowitz dasselbe Resultat dadurch, daß sie Ribonukleinsäure, die sie aus dressierten Würmern extrahiert hatten, den ungelernten Artgenossen einspritzten.

Allerdings wird die Beweiskraft dieser Versuchsergebnisse von manchen Wissenschaftlern angezweifelt, denn die Wurmexperimente, die inzwischen an vielen Forschungsinstituten wiederholt wurden, liefern nur hin und wieder jene verblüffenden Resultate mit hinreichender Signifikanz.

Daher kommt dem Versuch, über den die Psychologen Frank R. Babich, Allan L. Jacobsen, Suzanne Bubash und Ann Jacobsen in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift "Science" (6. August) berichten, besondere Bedeutung zu: Die vier Forscher erzielten ähnliche Resultate wie Fried und Horowitz bei einem Experiment mit Ratten, das sie an der kalifornischen Staatsuniversität in Los Angeles durchführten.

Acht Ratten hatten gelernt, ihre Futterstelle nur auf ein akustisches Signal hin aufzusuchen, wo sie dann auch stets ein paar Leckerbissen vorfanden. Sobald das charakteristische "Klick" ertönte, eilten die Tiere zum Freßnapf, der sich in einer bestimmten Ecke des Käfigs befand. Nachdem, sie jedoch den Napf leergefressen hatten, verlor er für sie jegliches Interesse, was keineswegs der Art von Ratten entspricht, die nämlich normalerweise ihren Futterplatz sehr häufig inspizieren. Erst beim nächsten "Klick" begann wieder der Run zum Freßtrog.

Fünf Tage hatte das Training gedauert, und als die Tiere den Dressurakt fehlerfrei beherrschten, wurden sie getötet; den Gehirnen der Leichen entnahmen die Psychologen eine Substanz, aus der sie Ribonukleinsäure isolierten. Die Säure spritzten sie dann in die Gehirne von sieben Ratten, die keinerlei Training genossen hatten. Dennoch reagierten diese Nager auffallend häufig auf das "Klick", just so, wie die trainierten Ratten. In dem gleichen Käfig liefen bei Ertönen des Geräusches stets einige von ihnen zum – diesmal freilich leeren – Futternapf, obwohl sie nie zuvor erfahren hatten, daß hier etwa Fressen zu erwarten wäre.