Das Liebesspiel ist das reinste Beispiel aller Spiele, so beobachtet der holländische Gelehrte F. J. J. Buytendijk, dem wir wesentliche, nämlich philosophische Einsichten in die Eigenart des Menschen verdanken. Und doch ist gerade dieses Miteinander gegenwärtig durch Entartung gefährdet, durch Anmaßung und Quälsucht so sehr, daß es eher einem verbissenen Kampf gleicht als einem Spiel, mit dem wir seit unserer Kindheit die Vorstellung verbinden, es sei heiter und beglückend, und so auch rein.

Vielleicht, daß wir zu erwachsen sind, um noch in rechter Weise spielen zu können! Erwachsen ... gehorsam also den fatalen Maximen modernen Lebens und nur noch fähig, "lohnende" Ziele zu verfolgen, "reale" Zwecke zu beachten, Menschen als "Beziehungen" zu nutzen, Möglichkeiten im Aspekt von Gewinn und Verlust zu prüfen.

Oder sind wir dem Sog attraktiver Bilder schon so weit erlegen, daß darüber jene produktive Phantasie erlahmt ist, deren es gerade zum Liebesspiel bedarf?

Vielleicht, daß wir auch meinen, in der Liebetue die Natur schon das ihre, so daß es keiner Mühe bedarf oder gar der Zucht, um das Spiel wachzuhalten, klar in seinem Verlauf und reich in seinen Formen!

"Jedes Spiel fängt" – folgen wir dem Professor – "mit einer Bewegung an, deren Folge nicht völlig berechenbar ist" und somit "ein überraschendes Moment in sich trägt". Werfen kleine Mädchen beispielsweise den Ball gegen die Wand, in wechselnden, kunstreichen Formen versteht sich, so sind sie durchaus nicht sicher, ob er auch so zurückspringt, daß sie ihn wieder fangen können. "Probe" nennen sie dieses Spiel, und sicherlich meinen sie damit, erst das Risiko – es könnte ja geschehen, daß der Ball über sie hinwegspringt oder täppisch zurückprallt – mache die Würze des Spiels aus.

Beim Liebesspiel verhält es sich nicht anders. Nehmen wir einmal an – es ist dies ja so selten nicht –, es sei die Frau, welche den Ball wirft, das Spiel also mit einer Bewegung eröffnet. Wie sich die Mädchen auf die verschiedenen Wendungen der "Probe" verstehen, so auch die Frauen auf die verschiedenen Weisen der Herausforderung, auf die Bewegung somit, mit der das Spiel anhebt. Oder sind sie etwa nicht so gemeint, die anmutigen Bewegungen, deren eine kluge Frau fähig ist? Das verschwiegene Lächeln so gut wie die nervöse Sprache sensibler Hände, der entschlossene und dabei doch so beiläufig scheinende Ruck, die schmalen Knie ins rechte Licht zu rücken und – eine hinreißende Pointe des Spielverlaufs – Linien zu enthüllen, die sonst der Rock züchtig verbirgt, diese Wendung so gut wie das Aufblitzen in den Augen oder das verstörte Verschwimmen des Blicks – dies alles (und noch mehr) richtet sich, sei es nun diskret oder freigiebig, an einen Gegenspieler. Wohlig dehnt sich eine Frau in den Blicken des Mannes, den sie meint. In seiner Huldigung, in seinem Entzücken, in seinem Verlangen findet sie die Bestätigung ihres Daseins. Und sogleich regt sich in ihr die Lust daran, begehrenswert, nämlich schön zu sein.

Es ist also keine Wand, gegen die der Ball prallt, und so auch kein gefühlloser Spiegel, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut, ein Wesen, das atmet und empfindet und durchaus fähig ist, das Spiel aufzunehmen und mit einer eigensinnigen Bewegung zu parieren. Je ritterlicher ein Mann ist, um so eher ist er bereit, sozusagen in die Knie zu gehen, also mit dankbarer Verehrung und zärtlichem Entzücken zu beantworten, was ihm entgegenschlägt. Läßt er sich aber auf das Spiel ein, wird er somit zum Mitspieler, so treibt er den Verlauf auch voran. Ob sein Blick nun den ihren sucht, um sich des lächelnden Einverständnisses zu versichern, oder ob seine Hände wagen, leise zu streicheln, was sich vor ihm offenbart, ob sich sein Blick nun verdunkelt, sobald er gewahrt, was sich ihm sonst entzieht, oder ob seine Arme danach trachten, die anmutige Gestalt zu umfassen – dies alles (und noch mehr) drängt, sei es nun verhalten oder täppisch, auf eine Lösung aus der Spannung.