20 Jahre nach der Kapitulation: Die traditionelle Staatsidee, neu formuliert

Von Hans Wilhelm Vahlefeld

Vor zwanzig Jahren, in der Mittagsstunde des 15. August 1945, hörte das japanische Volk zum erstenmal die Stimme seines Kaisers im Rundfunk. Und es hörte in dieser Rede des Tenno auch zum erstenmal in seiner zweitausendsechshundertjährigen Geschichte, daß Japan einen Krieg verloren hatte. Aber das Volk verstand nicht, was der Tenno sagte. Denn seine Rede war in dem bei kaiserlichen Zeremonien üblichen Hof-Japanisch abgefaßt, das für das gemeine Volk so unverständlich ist wie für uns Latein. Die Japaner konnten den Ernst und die Schwere der Stunde nur ahnen. Im Ruinenfeld der Hauptstadt Tokio und an Shinto-Schreinen waren Lautsprecher aufgestellt und während der kurzen Ansprache des Tenno standen die Menschen schweigend, gesenkten Hauptes, oder knieten. Viele weinten.

Der nach der Reichsgründungslegende einhundertvierundzwanzigste Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu erklärte mit seiner eigentümlich hohen Stimme: "Obgleich jedermann sein Bestes getan hat, hat sich die Kriegssituation nicht unbedingt zu Japans Vorteil entwickelt, während die allgemeinen Strömungen in der Welt seinen Interessen zuwiderliefen." Die Niederlage nach acht Jahren Krieg in China und und im Pazifik mit Millionen von Toten wurde mit einem für Europäer unverständlichen Understatement angekündigt. Wer konnte diesen Worten entnehmen, daß Japan zur bedingungslosen Kapitulation bereit war? Auch in der dunkelsten Stunde seiner nationalen Geschichte nahm Japan die harten Tatsachen nur in einer vagen Umschreibung zur Kenntnis.

Bis zu dieser Mittagsstunde des 15. August 1945 war es nicht sicher gewesen, ob Japan bedingungslos kapitulieren würde. Die "Potsdamer Erklärung" der zukünftigen Siegermächte vom 26. Juli hatte Tokio ignoriert. Mit dem japanischen Schweigen rechtfertigte Präsident Truman später den Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima am 6. August. Zwei Tage danach trat die Sowjetunion in den Krieg gegen Japan ein. Am 9. August explodierte die zweite Atombombe über Nagasaki. Am selben Tag trat in Tokio der Oberste Rat zusammen. Zwar waren einige Kabinettsminister grundsätzlich zur Annahme der Potsdamer Erklärung bereit, forderten aber als unerläßliche Bedingung die Unverletzlichkeit des Kaiserhauses und damit die Bewahrung der nationalen Staatsform. Einige Militärs stellten zusätzliche Bedingungen, so wollten sie zum Beispiel, daß Tokio auf keinen Fall besetzt werden und die sogenannten Kriegsverbrecher nur von japanischen Gerichten abgeurteilt werden dürften. Einflußreiche Generale riefen zur "letzten" Schlacht auf dem heiligen Boden des Vaterlandes auf, zum "Schlachtentod der hundert Millionen" – ein dem Volk wohlbekanntes Schlagwort der Kriegspropaganda. Kurz vor Mitternacht desselben Tages entschied der Tenno in einem Thronrat über die Meinungsverschiedenheiten. Er war für Annahme. Daraufhin wurde am 10. August morgens sieben Uhr den Alliierten über die Schweiz und Schweden die japanische Bereitschaft zur Kapitulation mitgeteilt, "in der Annahme, daß die Potsdamer Erklärung keine Forderung enthält, die die Prägorative Seiner Majestät als eines souveränen Herrschers präjudiziert".

Seit der Zeit der Götter

Zwei Tage später ging die Antwort ein. Sie lautete: "Vom Augenblick der Kapitulation an soll die Autorität des Kaisers und der japanischen Regierung dem alliierten Oberbefehlshaber unterworfen sein. Die endgültige Form der Regierung wird durch den frei ausgedrückten Willen des japanischen Volkes festgelegt werden."