Wird der nichterklärte Krieg zwischen Indien und Pakistan um die Himalaja-Provinz Kaschmir nun doch zur offenen Schlacht? Zum erstenmal seit dem Waffenstillstand vor nunmehr fast siebzehn Jahren drangen indische Soldaten in großer Zahl über die Demarkationslinie in den pakistanischen Teil Kaschmirs vor und griffen Stellungen der dort stationierten pakistanischen Truppen an. Zuvor war in der irdischen Region des Landes eine Rebellion ausgebrochen, die nach Ansicht Neu-Delhis von Pakistan angezettelt wurde. Gelingt es den Vereinten Nationen nicht, die militärische Offensive der Inder auf dem Verhandlungswege zu stoppen, hat Asien neben Vietnam einen zweiten Kriegsschauplatz. Und wie in Vietnam ist die Gefahr einer Escalation nicht ausgeschlossen.

Premierminister Shastri ließ es, als er jetzt zum 18. Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens Pikistan der Aggression in Kaschmir beschuldigte, nicht mit einem Ultimatum bewenden. "Unser Beschluß ist klar", so rief er einer vieltausendköpfigen Menge zu. "Verhandlungen über Kaschmir kommen nicht in Frage. Wir können nicht einmal daran denken. Wir wollen im Frieden leben, aber wenn das Land angegriffen wird, kann die Regierung Gewalt nur mit Gewalt beantworten." 24 Stunden später griffen indische Truppen pakistanische Einheiten an.

Nun gehen, wie sooft bei den Scharmützeln an der Demarkationslinie, die Meinungen darüber auseinander: Wer legte die Lunte an das Pulverfaß, die Inder oder die Pakistani? In Neu-Delhi heißt es, "Eindringlinge" aus Pakistan hätten im indischen Teil Kaschmirs einen Aufstand angezettelt, Polizeistationen überfallen, Brücken gesprengt und Armeegruppen angegriffen. Pakistan dagegen behauptet, es handele sich um kaschmirische "Freiheitskämpfer", die für die Unabhängigkeit ihrer Provinz von der indischen Zentralregierung zu den Waffen gegriffen hätten.

Ob nun verkleidete Pakistani in die Auseinandersetzungen eingegriffen haben oder nicht – fest steht auf jeden Fall, daß es in dem von den Indern seit 1956 "pro forma annektierten" Gebet (zwei Drittel der Provinz) starke politische Gruppen gibt, die unter Führung des inzwischen von Shastri erneut verbannten Scheichs Mohammed Abdullah – des "Löwen von Kaschmir" – einen autonomen, von beiden Nachbarstaaten garantierten Status verlangen.

Ayub Khan hilft den Rebellen nicht nur mit freundlichen Worten, sondern auch mit Waffenlieferungen und Militärausbildern. Auch ist seine jüngste Erklärung mehr als eine bloß rhetorische Drohung. Er sagte, aus Anlaß des pakistanischen Nationalfeiertages: "Wir werden fortfahren, für all das zu kämpfen, was wir als richtig, gerecht und ehrbar betrachten."

Die internen Querelen in Kaschmir und die Konfrontation zwischen Indien und Pakistan sind eine ständige Gefahr für den Subkontinent. Schon forderten 100 000 Inder bei der bisher größten Massendemonstration den Rücktritt Shastris und den Bau eigener Atombomben. Weit mehr aber fürchtet die Regierung in Neu-Delhi den "roten Drachen", die Aggressionslust Pekings. Auch Rotchina hält einen Zipfel Kaschmirs besetzt, das östliche Ladakh. Und Fortschritte in einer Annäherungspolitik zwischen Mao Tse-tung und Ayub Khan lösen bei den Indern sofort eine verständliche Angstpsychose vor einem Zwei-Fronten-Krieg aus.

Shastris scharfe Zurechtweisung Rotchinas, das die einzige Nation sei, die für Vietnam keinen Frieden wolle, galt daher ebenso für alle Spekulationen Pekings, Indien durch einen Krieg mit Pakistan die Hände zu binden. Fast scheint es so, als glücke den Rotchinesen dieser Coup in Kaschmir. D. St.