Seit dem 1. Juli wird auf die Zinsen der festverzinslichen Wertpapiere, soweit diese sich im Besitz sogenannter "Gebietsfremder" befinden, ein Steuerabzug von 25 Prozent vorgenommen. Befreit von dieser Sondersteuer, die den Namen Kuponsteuer erhalten hat, sind lediglich die auf Deutsche Mark lautenden Anleihen ausländischer Emittenten. Über die Problematik dieser Steuer, die ausländisches Kapital von den deutschen festverzinslichen Wertpapieren fernhalten soll, ist in der ZEIT schon vieles gesagt worden. Deshalb wollen wir uns, meine verehrten Leser, an dieser Stelle lediglich mit den praktischen Auswirkungen beschäftigen.

Kuponsteuerprobleme gibt es für alle Wertpapiersparer mit Wohnsitz innerhalb der Bundesrepublik nicht. Die steuerlichen Inländer erhalten die Zinsen ihrer festverzinslichen Wertpapiere ohne Steuerabzug ausgezahlt. Diese Erträge sind in der Einkommensteuererklärung als Einkünfte aus Kapitalvermögen (genau wie die Sparbuchzinsen) anzugeben und werden dann nach Tarif versteuert. Es gibt auf dem deutschen Rentenmarkt allerdings auch noch Papiere, deren Zinsen vollkommen steuerfrei vereinnahmt werden können. Aber das ist ein besonderes Thema, das uns heute nicht beschäftigen soll.

Als im Frühjahr 1964 die Bundesregierung ihre Absicht verkündete, die Kuponsteuer einzuführen, war es tatsächlich notwendig, das Auslandskapital aus Zahlungsbilanzgründen von der Bundesrepublik fernzuhalten. Ob der Weg über die Kuponsteuer in dieser Form der glücklichste war, möchte ich bezweifeln. Ich meine auch, daß es vernünftig gewesen wäre, auf die Inkraftsetzung des Gesetzes zu verzichten, denn – wie die Dinge auf den internationalen Finanzmärkten jetzt liegen – haben wir im Augenblick kaum mit einem gefährlichen Zustrom von Auslandskapital zu rechnen. Aber offensichtlich haben Bundesregierung und Bundesbank soviel Prestige an diese unglückliche Steuer geknüpft, daß sie von ihr jetzt nicht loszukommen vermögen, ohne angeblich ihr Gesicht zu verlieren. Und außerdem: Wer bringt den Fiskus dazu, eine einmal eingeführte Steuer wieder abzuschaffen?

Wie ich aus meiner Korrespondenz ersehe, fühlen sich durch diese Sondersteuer vor allem jene Leser betroffen, die irgendwo in der Welt im Auftrage deutscher Firmen tätig sind, draußen ihren Wohnsitz haben, sich aber einen Teil ihres Gehaltes in der Bundesrepublik auszahlen lassen und dieses Geld zum Kauf deutscher Wertpapiere benutzen. Soweit diese Leser der Bank nicht einen deutschen Wohnsitz angegeben haben, müssen sie sich jetzt einen 25prozentigen Abzug auf ihre Zinseinnahmen gefallen lassen. Soweit die Bundesrepublik mit den Staaten des jetzigen Wohnsitzes Doppelbesteuerungsabkommen abgeschlossen haben, kann die Kuponsteuer im Aufenthaltsland angerechnet werden, was allerdings schwierige Prozeduren erfordert. Dort wo es keine Doppelbesteuerungsabkommen gibt, gibt es auch keine Milderung der Kuponsteuer.

Was ist in dieser Situation zu tun? Einige Leser spielen offenbar mit dem Gedanken, sich von den deutschen festverzinslichen Werten zu trennen und den Erlös auf ein Sparkonto mit entsprechender Kündigungsfrist einzuzahlen. Die darauf fällig werdenden Zinsen unterliegen nicht der Kuponsteuer. Von der steuerlichen Seite bestehen keine Bedenken.

Einen wesentlichen Haken hat jedoch dieser Ausweg: Wer heute deutsche festverzinsliche Wertpapiere veräußert, tut dies wahrscheinlich zu den niedrigsten Kursen. Vieles spricht dafür, daß der Zins in der Bundesrepublik seinem Höchststand ziemlich nahe gekommen ist, vielleicht ihn schon erreicht hat. Auf die Dauer kann sich eine auf Export angewiesene Industrienation einen Landeszins von nahezu 8 Prozent (und mehr) nicht erlauben, wenn sie nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßen will.

Oder anders ausgedrückt: Wer heute die im Kurs stark gefallenen festverzinslichen Wertpapiere verkauft, begibt sich der Chance, an der in den nächsten Jahren fällig werdenden Kurserholung teilzuhaben. Sechsprozentige Pfandbriefe, die heute zu 92 Prozent notiert werden, können sich in den nächsten beiden Jahren unter Umständen bis 98 Prozent erholen. Mit dem Kursgewinn von 6 Prozent werden die jährlich 1 1/2 Prozent Kuponsteuer (also zusammen 3 Prozent) weit überdeckt. Mein Rat deshalb: Erst verkaufen, wenn die Aussicht auf weitere Kurssteigerungen verschwunden ist. Dann könnte man, um dem steuerlichen Ärger zu entgehen, auf das Sparbuch umsteigen.