H., Lindau

Der zweiundachtzigjährige Rentner Johann Lettenbauer will von Richtern und Gefängnisbeamten, von Ärzten und Polizisten nichts mehr hören und sehen. Mit den Worten "es langt" quittierte der zahnlose, weißhaarige Alte, den ein Psychiater als "intellektuell unbegabt und seelisch plump" charakterisiert hatte, vor dem Landgericht Kempten die Schlußworte des Gerichtsvorsitzenden: "Ich gratuliere Ihnen, Herr Lettenbauer, Sie sind freigesprochen!"

Achtzehn Jahre vorher, am 27. November 1947, war dieser Mann von dem Landgericht in Lindau wegen Totschlags an seiner Tochter und wegen Mordes an seinem Enkel zu zehn Jahren Zuchthaus und lebenslanger Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Derjenige, der ihn damals auf Grund eines Indizienurteils für 18 Jahre hinter Gitter geschickt hat, lebt heute irgendwo ungeschoren in Süddeutschland. Der Kriminalbeamte aus Ravensburg, der damals glaubte, den Täter überführt zu haben, ist inzwischen gestorben. Was damals geschah, kennzeichnete der Verteidiger Lettenbauers, Rechtsanwalt Freistetter, in dem Wiederaufnahmeverfahren in Kempten so: Man könne nur den Wunsch haben, daß sich so etwas nicht wiederhole und daß man das Wohl und Wehe eines Menschen in Zukunft nicht der Entscheidungsfreiheit übertüchtiger Kriminalbeamter überlasse. Offensichtlich hatte man Lettenbauer mit Hilfe von Suggestivfragen überführt.

Jetzt weiß man es besser: Zwei Landstreicher, Manfred Jung und Wilhelm Schwall, hatten am 16. Juli das kleine Häuschen in Oberreitnau bei Lindau aufgesucht und von der Tochter Maria etwas Wasser zum Rasieren bekommen. Während der Vater an einem einige hundert Meter entfernten Bahndamm Gras für seine Ziegen mähte, gingen die beiden Burschen in das Haus zurück, töteten die junge Mütter und deren Sohn mit einer Axt. Jung nahm bei einem ersten Verhör im April dieses Jahres die gesamte Schuld allein auf sich; nun behauptet er aber, daß das Kind von Schwall getötet worden sei. Der eine sagt, Maria habe sich gewehrt, der andere behauptet, man sei von Maria überrascht worden. Diese Einzelheiten werden jedoch in einem Prozeß im Herbst geklärt werden. Werden die beiden dann wegen Totschlags verurteilt, so brauchen sie keine Strafe abzusitzen, weil Totschlag nach 15 Jahren verjährt ist.

Daß sie nicht schon früher vor Gericht gestellt wurden, wird in der Geschichte der Justiz als einer der fatalsten Irrtümer verzeichnet. Hätte es 1947 in der Bundesrepublik die Todesstrafe gegeben, so wäre für sie der Falsche hingerichtet worden. Lettenbauer sagt heute: "Ich war damals so verwirrt, daß ich gar nichts sagen konnte. Die Kriminalbeamten haben mir den Tatablauf einfach so in den Mund gelegt. Man hat geschrieben, und dann mußte ich unterschreiben. Ich kann mir das alles heute nicht mehr erklären." Er hatte dann vor Gericht sein Geständnis zwar widerrufen, aber in einem Gespräch mit dem Gerichtsvorsitzenden die Tat wieder eingestand den. Heute meint der Schwerhörige, er habe damals den Richter vielleicht gar nicht richtig verstanden. Rechtsanwalt Freistetter folgert aus den Akten, daß das Gericht 1947 "ungut besetzt" gewesen sei.

Die Frage, ob Lettenbauer 1947 selber seine Verurteilung durch sein ungeschicktes Verhalten vor Gericht fahrlässig verursacht habe, ist nunmehr auch entschieden. Sie wurde klar verneint. Der Angeklagte hatte damals zwar bei einem Lokaltermin den Hergang der Tat in seinem Haus genau konstruiert und gesagt, der zweijährige Arthur, den er angeblich erschlagen haben sollte, sei ihm gerade so dazwischengelaufen. Dennoch war der Gutachter schon bei dieser Verhandlung zu dem Schluß gekommen, daß die Angaben Lettenbauers gar nicht stimmen konnten. Eine Zeugin hatte auch damals schon von den zwei Wanderburschen berichtet, allerdings hinzugefügt, daß sie nach deren Weggang noch Maria Lettenbauer habe sprechen hören. 1950 trafen sogar die ersten Berichte bei den Polizeibehörden ein, daß Manfred Jung aus dem Siegkreis der Mörder sein könne. Man ging dem allem jedoch nicht nach, obwohl Lettenbauer im Gefängnis und in den verschiedenen Anstalten immer wieder beteuerte, daß er unschuldig sei. Er hatte einmal gestanden, und das genügte.

Es wurden sogar mehrere Gnadengesuche Lettenbauers abgelehnt, mit der Begründung, er streite das von ihm einmal zugegebene Verbrechen immer wieder ab. Es wurde ihm geradezu vorgeworfen, daß er seine Tat nicht bereue. Nur dem Drängen eines Mitwissers, dem Schwall von der Tat Jungs einmal berichtet hatte, ist es zu verdanken, daß Lettenbauer jetzt ein freier Mann ist. Er, von dem ein Richter gesagt hatte, seine Persönlichkeit biete nicht die Gewähr, daß er in Zukunft ein rechtmäßiges Leben führe, wäre wohl nie zu seiner Frau und seiner zweiten Tochter zurückgekehrt, hätte nicht jener Mitwisser zu Anfang dieses Jahres die Polizei im Siegkreis gefragt: "Wann sperrt ihr denn eigentlich den Mörder ein?" Jung, den darauf die Kriminalpolizei vom Steuer seines Omnibusses weg verhaftete, war offensichtlich so überrascht, daß er sofort gestand. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Jung den Mord geleugnet hätte?