Die Szenerie ist bekannt: Von einem Befreiungskrieg überrollte Landschaften, ausgebrannte Städte, eine Kirchenruine, in deren Fensterhöhle – bis zum nächsten Luftangriff, der sie zerstört – eine Glocke bimmelt. Die Menschen hier sind Soldaten, Flüchtlinge, Zivilisten, man hört Bomberstaffeln, Jeeps, lebt in Lazaretten, begräbt Tote, räumt Stellungen, foltert Gefangene, um Nachrichten zu erhalten, die sonst nicht preisgegeben würden, verweist achselzuckend auf die Greuel der Gegenseite, stumpft ab gegen jedwedes Entsetzen und heroisiert die eigenen Opfer, im besten Falle auch dem Feind die Achtung nicht versagend. Auf dieser Bühne eine Gruppe von Märtyrern, vierzehn christliche Geistliche, von denen zwölf von den Kommunisten ermordet werden. Ihre Haltung, exemplarisch für Christen und Kommunisten, vielmehr die mühsame Rekonstruktion dessen, was wirklich mit ihnen geschah, ist Stoff des Buches von

Richard E. Kim: "Die Märtyrer", Roman, aus dem Amerikanischen von Hedda Soellner; Verlag Droemer/Knaur, München; 300 S., 18,– DM.

Der koreanische Autor, der 1950 mit achtzehn Jahren Verbindungsoffizier zu den US-Truppen der Vereinten Nationen wurde, nach dem Koreakrieg in den USA studierte und diesen Roman in der ihm fremden Sprache in Kalifornien schrieb, führt seine Personen mit der Geschicklichkeit und Umsicht eines Schachspielers: Wenn diese als Märtyrer verehrten Geistlichen in Wirklichkeit Menschen wie alle sind, also voller Angst vor dem Sterben, ja unter dem Druck der Folter, der Drohungen zusammenbrechend – was ist dann ihr Glaube wert? Und wenn es wahr ist, daß sie keine Glaubenshelden, sondern Verräter ihres Glaubens waren, wem nützt diese Wahrheit? Richard E. Kim benötigt in seinem Roman sein literarisches Handwerkszeug nicht, um Feuer und Blut, um den Kampf als inneres Erlebnis zu beschwören – er bleibt diesen Fragen auf der Spur, arrangiert sich die Statisterie, jede ihrer Rollen in Frage stellend, und läßt alle Linien des Romans auf einen Fluchtpunkt zulaufen.

Bereits die Auswahl der Ereignisse weist ihn als einen metaphysisch denkenden "Westler" aus, denn für den geschulten Marxisten stellten sich nur historische Probleme, ordneten sich Biographien und Heldenepen nur horizontal, im Sinne der dialektisch fortschreitenden Bewegung auf ein geschichtliches Ziel hin. Wer dieses Ziel für irreal hält, dem müssen das Handeln fragwürdig, jede Rolle unwirklich, jeder andere Bezugspunkt zweifelhaft erscheinen: Die Schuldigen sind schuldlos, die Schuldlosen sind schuldig, die wahren Märtyrer sind nicht die, die es zu sein scheinen, und was die Wahrheit ist, weiß unter den Menschen niemand.

So erscheint es folgerichtig, daß der eigentliche Märtyrer dieses Buches jener Pfarrer ist, der das Versagen seiner Glaubensbrüder miterlebt hat und als Überlebender an dieser Tatsache verzweifelt.

Es ist nicht dasselbe, ob man in Seoul oder Pyongyang Christ ist oder in der Bundesrepublik. In Korea jedenfalls war es um 1950 die große Mode, so formuliert es Oberst Chang, Chef des südkoreanischen politischen Heeresnachrichtendienstes; und diese Christen, einflußreich, weil sie den Amerikanern nahestehen, unbeirrbar wie Bibelforscher, pathetisch und in manchen Lebensäußerungen dem asiatischen Lebensgefühl ärgerlich, zu wilder Anklage gegen Judas ebenso schnell bereit wie zu unerschütterlichem Gebet, diese Christen scheinen in Kims Romanwelt die einzigen Menschen zu sein, die etwas haben, "was ihrem Leben Sinn verleiht, was ihren Leiden Wert gibt".

Die wahre Geschichte der Märtyrer, die nichts als armselige Menschen waren, und des verzweifelten Menschen, der die Wahrheit weiß und darüber zum Märtyrer und schließlich zur Legende im wieder von Kommunisten besetzten Nordkorea wird, diese Geschichte wird von Hauptmann Lee Zug um Zug aufgedeckt: Sein Wille, die Wahrheit zu erfahren, ist die treibende Kraft der Handlung.