H. W., Flensburg

Unlängst flatterte der Flensburger Stadtverwaltung ein seltsames Schreiben auf den Tisch. Als Absender zeichnete eine "Arbeitsgemeinschaft für Werbung, Presse, Publizistik und Literatur" mit Sitz in Rothenburg ob der Tauber. Das Angebot, das diese Arbeitsgemeinschaft den Flensburger Stadtoberen machte, war recht erstaunlich: Man erbot sich, aus Anlaß des vierten Jahrestages der Errichtung der Berliner Mauer, für einen Tag ein "Stück Mauer" nach Flensburg zu verpflanzen. Nicht etwa nur eine symbolträchtige Attrappe, sondern eine richtige Mauer mit Sektorenübergang und allem Drum und Dran.

Die Arbeitsgemeinschaft, die von einem, Chefredakteur Stegemann geleitet wird, hatte durchaus präzise Vorstellungen, wie die ganze Sache inszeniert werden sollte. Aus Hohlblöcken, die trocken zementiert werden sollten, wollte man in einer geraden Straße ein Stück Mauer aufbauen. Es sollte eine Straße sein, in der ohnehin der Verkehr umgeleitet würde. So würde man sich viel Arbeit ersparen, hieß es in dem Brief. Englische Streitkräfte, so verlautet weiter aus Rothenburg, hätten sich bereit erklärt, Panzerspähwagen und Mannschaften in kriegsmäßiger Ausrüstung zur Verfügung zu stellen. Es würde alles stilecht wirken. Außerdem sei das ganze Unternehmen völlig kostenlos. "Die Finanzierung", so schrieben die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft, "übernehmen wir."

Der Flensburger Magistrat nun lehnte das Ansinnen der Mauerbauer kurz und knapp ab. Er bezeichnete den Plan als "ungeeignet". Daran änderte auch der Hinweis der Arbeitsgemeinschaft nichts, sie habe sich mit dem Gesamtdeutschen Ministerium in Verbindung gesetzt, um Transparente und Plakate für diese Aktion zu erhalten.

Flensburgs Oberbürgermeister Heinz Adler bezeichnete das ganze Vorhaben als Unfug und Geschmacklosigkeit; den Mauerbau in Berlin solle man nicht zum Gegenstand von Spielereien machen. Das Ganze, so meinte der Oberbürgermeister weiter, sei vielleicht ein Hinweis darauf, auf welches Niveau die Aktionen gegen die Mauer schon gesunken seien.

Im Gesamtdeutschen Ministerium wußte man von der ganzen Aktion nichts. Die Arbeitsgemeinschaft, so hieß es, sei im Hause Dr. Mendes völlig unbekannt. Es konnte sich auch kein Referent daran erinnern, jemals mit der Arbeitsgemeinschaft über einen Antrag verhandelt zu haben, für solche Aktionen Transparente und Plakate zur Verfügung zu stellen.

Bleibt nur noch die Frage, woher die Rothenburger, bei denen es sich um eine Gruppe junger Journalisten, Graphiker und Literaten handeln soll, die "literarische Begabungen fördern" wollen und sich überdies politisch betätigen, das Geld haben, um derlei kostspielige Aktionen zu starten?