In den letzten Wochen war die Tendenz auf dem Lonsoner Aktienmarkt überraschend stabil. Im Juli lag der Index für Industrieaktien noch bei 313,8 (vor einem Jahr 365,9), inzwischen hat er sich auf 313,8 erholt. Allerdings vollzog sich der Anstieg ohne nennenswerte Umsatzausweitung. Es ist so, daß die Besitzer englischer Aktien wenig Neigung haben, sich von ihren Papieren zu trennen, andererseits aber noch keine breite Käuferschicht vorhanden ist, die den Mut hat, sich zu engagieren.

Von zwei Faktoren wird die Tendenz an der Londoner Börse zur Zeit entscheidend beeinflußt: Pfund-Krise und Hoffnungen auf Neuwahlen. In Kreisen der Kapitalanleger hat sich die Regierung Wilson in kurzer Zeit überaus unbeliebt gemacht. Sie steht mit der "City" auf Kriegsfuß. Die Rückkehr der Konservativen würde zwar die wirschaftliche Situation nicht grundlegend andern, aber sie würde Frieden mit der City bedeuten.

Die Pfund-Krise ist zum ersten Male jetzt auch breiteren Bevölkerungsschichten zum Bewußtsein gekommen. Hauptsächlich durch die heißen Debatten im Unterhaus. Das führte sogar zu Verkäufer! von Investment-Anteilen, ohne Zweifel ein Alarmzeichen, wenn auch die Reaktion schwer verständlich ist. Denn normalerweise müßte die Gefahr einer Pfund-Abwertung zu einem "Run" auf Substanzwerte führen. Davon war aber zunächst keine Rede.

Der englische Anleger ist in erster Linie renditenbewußt, mit dem Begriff "Substanz" wußte er bisher nicht viel anzufangen.

Das wäre wohl auch weiterhin so der Fall gewesen, wenn nicht die Ereignisse auf dem Goldmarkt die City in Alarmstimmung versetzt hätten. Auf dem Londoner Markt stiegen die Goldpreise überraschend schnell. Wenn dies auch erst in zweiter Linie auf die Pfund-Krise zurückzuführen ist – in der Hauptsache dürfte die Dollar-Situation die Goldkäufe ausgelöst haben –, so schien die Bewegung auf dem Goldmarkt und die Hausse in Goldminen-Aktien den Engländern den Begriff Substanz etwas näher gebracht zu haben.

Die Aussicht auf sinkende Dividenden und das Wirksamwerden der neuen Kapitalgewinnsteuer steht einer breiteren Anlageneigung entgegen. Die institutionellen Investoren ziehen es gegenwärtig vor, ihre Mittel kurzfristig anzulegen. Unter diesen Umständen kann es nicht wundem, wenn die Börsenumsätze ungewöhnlich geschrumpft sind. Führende Londoner Börsenfirmen haben bereits Personal entlassen müssen. Andere haben fusioniert, um über die Runden zu kommen. Es kam bereits zu Liquidationen. Wer will unter diesen Umständen noch Börsenmitglied werden?

Der Restriktionskurs der Labour-Regierung wirkte sich in letzter Zeit besonders ungünstig auf die Verbrauchsgüterindustrie sowie auf die Kurse von Teilzahlungsinstituten aus. Auch die Notierungen der Baugesellschaften erlitten einen Rückschlag, da die Beschaffung von Hypotheken schwieriger geworden ist. Unabhängig davon tendierten wegen der rückläufigen Rohstoffpreise und im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten in den Erzeugerländern auch die Rohstoffwerte schwächer. Bei ihnen steigerte sich die bisher schon ungewöhnlich hohe Rendite auf für deutsche Begriffe sagenhafte Sätze. Bei Kautschuk- und Teeaktien erzielt man bis zu 18 Prozent, bei Zinnwerten bis 13 und bei NE-Metallaktien bis zu 10 Prozent.

Die Meinungskäufe – ausgelöst durch die Pfund-Krise – kamen vor allem der Investitionsgüterindustrie zugute und daneben solchen Gesellschaften, die über große Vermögenswerte im Ausland verfügen. Sie würden von einer weiteren Verschlechterung der englischen Wirtschaftslage weniger betroffen. Die Gewinne aus den Auslandstöchtern könnte die Beibehaltung der bisherigen Dividendensätze gewährleisten. F. J. Weale