Von Karl-Heinz Janssen

Als Henry Cabot Lodge in dieser Woche als US-Botschafter nach Saigon zurückkehrte, war der südvietnamesische Premierminister nicht für ihn zu sprechen. Nguyen Cao Ky (sprich: Nwin Kau Ki) hatte sich auf eine Freundschaftsreise nach Formosa und Thailand begeben, wohl nicht ganz zufällig zur selben Zeit – auch wenn amtlich das Gegenteil versichert wird. Der Vize-Luftmarschall, vor zwei Monaten von seinen Offizierskameraden für das Himmelfahrtskommando des Regierungschefs ausersehen, hat selber die Gerüchte über Mißstimmigkeiten zwischen ihm und den Amerikanern genährt. Vor seinem Abflug nach Taipeh erklärte er mit Unschuldsmiene, er wisse gar nicht, was denn der Staatsbesuch eines Premierministers mit der Ankunft eines Botschafters zu tun habe – so als handele es sich um den Vertreter der Fidschi-Inseln und nicht um den Statthalter einer Weltmacht, die in Südvietnam 90 000 Mann unter Waffen hat.

Der vierunddreißigjährige Ky, einer der jüngsten Staatsmänner der Welt, wurde noch deutlicher: "Ich kann nicht jedesmal, wenn ich etwas unternehmen will, Mr. A. oder Mr. B. fragen." Die verdutzten Journalisten wurden Zeugen eines unverhofften Ausbruchs asiatischen Nationalgefühls: Bande zwischen Verbündeten, dozierte Ky, dürften nicht zu Ketten der Sklaverei werden.

Nun geht freilich Lodge der Ruf voraus, er habe im November 1963 den Sturz des Diktators Diem geduldet, wenn nicht sogar heraufbeschworen. Marschall Ky war offenbar hellhörig geworden, als nach einem Blitzbesuch des Botschafters in Saigon aus der Umgebung des obersten buddhistischen Bonzen zu hören war, Lodge würde an Stelle der jetzigen Militärregierung ein ziviles Kabinett bevorzugen. Dabei war es niemand anders als der damalige Oberbefehlshaber Ky, der vor einigen Monaten seinen Kameraden den Rat gab, sie sollten die Finger von der Politik lassen und ins Feldquartier zurückeilen. Nun, er hatte leicht reden. Als Oberbefehlshaber einer Armada von 500 Flugzeugen und 10 000 Soldaten residierte er ohnehin in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt. Der Beruf des Jagdfliegers läßt viel Zeit für Kasinogespräche und mithin auch für politische Intrigen. Marschall Ky hatte es nie nötig, seinen feinen Kopf bei Putschversuchen zu riskieren; er konnte gemächlich abwarten, auf wessen Seite sich die stärksten Bataillone schlagen würden. Dann ließ er ein paar Flugzeuge im Tiefflug über Saigon dahinbrausen, und schon war der Putsch niedergeschlagen.

Es ist noch nicht ausgemacht, ob er mit dieser Taktik nur seine eigene Machtübernahme vorbereiten wollte oder ob er dadurch unfreiwillig zum Spitzenkandidaten der "Jungtürken" wurde, jener Gruppe jüngerer Offiziere, denen die "Revolution" vom November 1963 nicht weit genug gegangen war, und die sich seither immer wieder zum Schiedsrichter in den innerpolitischen Händeln aufgeschwungen hat. Jedenfalls sah er sich plötzlich – Hannemann, geh du voran – in die Rolle des Kabinettschefs gedrängt. Zweifellos ist er unter den vier, fünf Generalen, die unter sich die Schlüsselfunktionen des Staates verteilt haben, die mächtigste Figur, denn jene haben ihre Frontkommandos aufgegeben, während Ky nach wie vor den Befehl über die Luftwaffe ausübt.

Und doch hatten die Auguren, vornehmlich die Amerikaner, auf ihn zuletzt getippt. Die einzige Reputation, die der französisch erzogene Sohn eines reichen Mandarins aus dem Norden bis dahin aufzuweisen hatte, waren sein fliegerisches Können und seine Erfolge auf dem Parkett der Nachtlokale. Diplomatisch verklausuliert, aber schon zu spät gab US-Botschafter Taylor den Generalen zu bedenken, daß Ky nicht zugleich den Steuerknüppel eines Jagdbombers und das Ruder des Staatsschiffes bedienen könne:

Nicht alle Amerikaner dachten so. Einige Militärs hatten erkannt, daß hinter den Playboymanieren und den Ky-kerlitzchen des Luftmarschalls ein harter Bursche steckte. Ky hat viele Gesichter, aber es ist derselbe Mann, der im "Moulin Rouge" zu Ehren der Schönsten im Saal rührselige Gedichte rezitiert, derselbe Mann, der im weißen Smoking an der Musikbox im Kaffeehaus lehnt und verzückt französischen Chansons oder amerikanischen Jazzklängen lauscht, derselbe Mann, der im schwarzen Lederdreß und mit fliederfarbenem Halstuch, den Colt am Gürtel, sich mit seinen "Skyraider" todesmutig ins Feuer der nordvietnamesischen Flak hineinstürzt. Seine Augen, deren charmantem Lächeln so viele Frauen der verschiedensten Nationalitäten erlegen sind, können eiskalt blicken. Ohne das Bärtchen auf der Oberlippe würden seine Züge noch viel härter wirken.