Funk

DEUTSCHLANDFUNK

Freitag, 13. August, die Musiksendung:

Bereits als er zwölf Jahre alt war, so erinnerte sich Norbert Brainin, Primarius des Londoner Amadeus-Quartetts, habe ihm ein gewisser Quartettklang vorgeschwebt. Ihn zu produzieren, habe er immer versucht, und der Klang, den man heute von seinem Ensemble höre, komme dem Urbild ziemlich nahe. Dieser spezifische Ton, meine ich, müßte ein Porträt wert sein; ihn zu charakterisieren, ihn von anderen abzuheben, auf seine Spezifika hinzuweisen, wollte sich aber niemand getrauen.

Siegmund Nissel, der Sekundgeiger des Quartetts, berichtete: Während des Krieges habe man in einem Orchester, mit dem man konzertierte, Gelegenheit gehabt, zu erfahren, "wie man eigentlich Kammermusik zu proben hat". Wie immer diese besondere Art der Probenarbeit – Kammermusik in einem Orchester – vonstatten ging, es wäre interessant gewesen, etwas darüber zu erfahren. Und von Peter Schidlof, dem Bratscher, war zu hören, man arbeite in diesem Quartett "wirklich demokratisch". Ist es denkbar, daß ein Streichquartett sich in die Weltklasse hätte spielen können, wenn es per Diktatur oder nur durch die pressure groups der Verwaltungsräte von Schallplattengesellschaften regiert würde?

Ein wienerisches r und ein dunkelgefärbtes a kämpften in den kurzen Selbstaussagen der Musiker gegen die englische Sprachmelodie: ein paar biographische Notizen – Emigration aus Österreich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, Sichfinden und gemeinsames Studium bei Max Rostal – Aphorismen über das tägliche Drum und Dran – "Wir diskutieren gemeinsam unsere Programme", "Ich ziehe das öffentliche Konzert der Plattenaufnahme vor", "Mein Problem als zweiter Geiger ist die Balance im Ensemble" – musikwissenschaftliche Ungereimtheiten, etwas public relations. Kein Porträt eines Ensembles entstand, allenfalls Karikaturen wurden entworfen, vier Strichmännchen standen schließlich auf dem Papier.

Welch ein Glück, daß sie wenigstens zwischendurch Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert und Brahms spielten, unnachahmlich spielten, Wiener, die in London gelegentlich residieren, denen aber das Wienerische in ihrem Spiel nicht zu nehmen ist. H.J.H.