Schleichende Inflation?, herausgegeben von Manfred Nemitz, mit Beiträgen von F. Berg, K. Blessing, R. Dahlgrün, W. Haferkamp, A. Möller, G. Schmölders und K. Schmücker, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln-Berlin 1965, 146 S., brosch. 9,80 DM.

Aus der Vielzahl der Taschenbücher, die jeder Verlag, der etwas auf sich hält, meist in einer schnell zusammengestellten Reihe herausgibt, weckt der Titel des vorliegenden Bändchens das Interesse des Wirtschaftlers und des an wirtschaftlichen Fragen interessierten Laien. Wie denken die leitenden Männer der westdeutschen Wirtschaft über die schleichende Geldentwertung, die uns Jahr um Jahr um den Wert der normalen Verzinsung unseres gesparten Kapitals bringt? Darüber, in welcher Weise dieser Inflationsprozeß abzulaufen pflegt, gibt es fast ebenso viele Auffassungen und Lesarten, wie Gruppenstandpunkte und -interessen dahinterstehen. Dieser Satz Professor Schmölders, der sich seit Jahren mit den sozialpsychologischen Aspekten der Geldordnung und der Währungspolitik beschäftigt, bildet den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis dieses Büchleins. Denn hier werden nicht die neuesten wirtschafts- und währungswissenschaftlichen Theorien und Ableitungen zum Problem der Inflation vorgeführt, sondern Meinungen führender Persönlichkeiten am Schalthebel der Wirtschaftspolitik.

Vor einigen Jahren hat Professor Schmölders eine ebenso verdienstvolle wie in ihrem Ergebnis erschreckende Umfrage über die wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitischen Kenntnisse Bonner Parlamentarier durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, daß unter fiskalischer Antiinflationspolitik oder einer "quantitativen Geldpolitik" nur sehr wenige sich etwas Konkretes vorstellen konnten. Im allgemeinen überwogen unsachliche, wenig durchdachte persönliche Ansichten oder schlichtweg Unkenntnis.

Der vorliegende Band, dessen stiller Initiator wiederum Professor Schmölders war, führt diese frühere Untersuchung fort, diesmal im Gewande gesammelter Beiträge und Reden zum Problem der schleichenden Inflation. Die Beiträge zeichnen sich durch ein recht unterschiedliches Maß an sachlich fundiertem Wissen aus. Die persönlichen Meinungen überwiegen. Ärgerlich nur, daß auch sie als abgerundete, wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse angeboten werden. Einigkeit herrscht in der Auffassung, daß der schleichenden Inflation Einhalt zu gebieten sei, so oder so. Der Gewerkschaftsvertreter fordert seiner Grundeinstellung gemäß eine stets hinreichende Nachfrage, während der Vertreter der SPD ein ausgefeiltes währungspolitisches Instrumentarium verlangt. Die wirtschaftswissenschaftlich diskutierte Frage nach der Schwelle, die die Vorteile der schleichenden Inflation von ihren Nachteilen trennt, wird fast gar nicht gestellt. Die Sicherung des Geldwertes ist tabu, die Möglichkeit, diese Sicherung zu erreichen, wird von den meisten Autoren ungeprüft und ohne jede Rücksicht auf wirtschaftshistorische Forschungsarbeiten bejaht. Die vorsichtigsten Formulierungen finden sich bei Professor Schmölders selbst, der die schleichende Inflation als ein Ergebnis des sozialen Gruppenkampfes und als Ausfluß einer Haltung der Ungeduld gegenüber einer Vielzahl von nacheinander (und nicht gleichzeitig) zu lösender Aufgaben versteht.

Die übrigen Aufsätze dieser Sammlung unterstreichen seine Auffassung beispielhaft: begriffliche Ungenauigkeiten und unterschiedliche Grundauffassungen sowie ein ganz verschiedenes Maß an Einsicht in die differenzierten Probleme der Geld- und Kreditpolitik prägen dieses kleine Buch zu einer praktischen Soziologie vom Gelde in unserer Gesellschaft. Man muß schon alle Beiträge lesen, um sich ein Bild von den verschiedenen Lesarten der Antiinflationspolitik zu machen. Während Präsident Blessing die Frage international und unter Integrationsbedingungen sieht, bleibt es für den derzeitigen Bundeswirtschaftsminister Schmücker selbst in seiner diffizilen Problematik stets doch ein schönes, vollmundiges Problem. Seine Bemerkung, daß Sachkenntnis für den Bürger vonnöten sei, läßt noch einmal die Frage auftauchen: Nur für den Bürger? Lutz Köllner