Von Josef Müller-Marein

Was die eigene Erfahrung zufällig ergab, wird letzthin durch andere bestätigt: Getreulich hatte man sich, dem Fortschritt der Technik folgsam, vor Jahren zum "Fernseh-Teilnehmer" entwickelt; nun kehrt man allmählich zur Kundschaft des alten "Dampf-Radios" zurück. Warum?

Weil die Augen manchmal angestrengt werden durch das "elektronische Licht" der Television? Weil das Radio uns auf den Fahrten im Auto begleitet? Weil sich häusliche Arbeiten – Basteln, Kochen, Bügeln, Schuhputzen – mit Funkbegleitung, nicht aber beim Fernsehschimmer ausführen lassen?

Sicherlich spielt das alles eine Rolle. Aber entscheidend ist dies vermutlich nicht. Viel eher wirkt der Umstand mit, daß uns beim Hörfunk eine große Programm-Auswahl zur Verfügung steht. Drei Wellen sind das wenigste – gegenüber bloß zwei Programmen des Fernsehens.

Daß unsere Fernsehleute sich Vorwürfe zu machen hätten – davon darf keine Rede sein. Wer ein wenig in der Welt herumkommt und dabei auch einen Blick auf die Bildscheiben im Ausland wirft, wird, wenn er nicht bösartig ist, sagen müssen, daß die bundesdeutschen Fernsehstationen nicht Schlechteres, sondern eher Besseres leisten. Sie haben Perfektion nicht nur der technischen, sondern auch der inhaltlichen Darbietung der Sendungen angestrebt. Sie haben vieles erreicht. Und wenn sie Glück hatten, erreichten sie: das Besondere.

Von hier aus, von der Anerkennung der Leistungen der Fernsehsender aus müssen wir zu beurteilen suchen, welche Chancen der Hörfunk nach wie vor hat. Es ist einfach nicht wahr, daß unser Fernsehen schlecht oder langweilig sei und daß eben dies die Ursache dafür ausmache, wenn die "Seher" mehr und mehr wieder zu "Hörern" werden.

Im Gegenteil: Je öfter das Fernsehen die Qualität des "Besonderen" erreicht, desto stärker bewährt sich im Hörfunk das, was wir die "Macht des Alltags" nennen möchten, das heißt: Die beiden Institutionen machen einander nicht nur Konkurrenz, sie ergänzen einander auch; und dabei ist bemerkenswert, daß der "Teilnehmer" sich jeweils anders verhält. Zur Fernsehsendung – zumal dann, wenn Besonderes zu erwarten ist – mache ich mich bereit, bedenke die Lichtverhältnisse im Zimmer, ziehe Vorhänge vor oder zurück (ein bißchen Kino-Atmosphäre wird da immer erhalten bleiben) – ich setze mich quasi "aufrecht hin", ich zaubere mir selber etwas vor bei solchen Vorbereitungen, ich lasse mich "kaptivieren".