Von Eka von Merveldt

Innerhalb von zwölf Monaten haben schön 1964 die Ferienreisenden der Welt für ihren Transport, die Unterkunft, Verpflegung und Vergnügungen aller Art, kurzum für die Urlaubsreise mehr als 33 Milliarden Mark ausgegeben. Im Jahr 1965, das zeigen die Erfahrungen auf dem Höhepunkt der Reisesaison, wird diese Summe noch überschritten werden. Die Deutschen rissen, mit ihrem Drang, ins Ausland zu reisen, ein Devisenloch von zwei Milliarden Mark in die deutsche Handelsbilanz, und der nasseste und kälteste Sommer, den wir seit Jahrzehnten erlebten, wird nicht dazu beitragen, daß von nun an mehr Urlauber zu Hause bleiben und die Ferien an den heimatlichen Küsten und im Landesinnern verbringen.

Schon 1964 fuhren 43 von je 100 Deutschen ins Ausland. Und 1965 dürften es eher mehr sein. Aber vorläufig kündigen sich auch noch keine wirtschaftspolitisch gesteuerte "Entdecke-Deutschland"-Parolen an, um die Touristen zurückzuhalten, während in den Vereinigten Staaten die Präsidenten Kennedy und Johnson bereits aufforderten, im Land zu bleiben und Devisen zu sparen, allerdings ohne Erfolg; die Zahl der Paßanträge ist auch in Amerika gegenüber dem Vorjahr erheblich gestiegen. 2,3 Millionen Amerikaner werden nach Schätzungen in diesem Jahr allein durch Europa fahren.

Reisefieber? Fernweh? Torschlußpanik? Eins ist deutlich sichtbar: Die Deutschen treibt der Sonnenbürger in die Weite. Und noch wird es auch von der Bank Deutscher Länder erlaubt, ihn zu. stillen. Mit dem Wohlstand ist auch der Flugtourismus weiter angewachsen; man rechnet in diesem Jahr mit einer Zuwachsrate von 80, bei manchen Reiseunternehmen gar 100 Prozent.

Schier unübersehbar selbst für die Fachleute wird das Angebot fertiger Reisen. Daß es Probleme des Wohlstandes gibt, die auch auf diesem Gebiete gemeistert werden müssen, zeigt die immer engere Zusammenarbeit großer Touristikunternehmen. So treten schon Touropa und Scharnow Hand in Hand auf, und als nächster Zusammenschluß deutet sich eine Arbeitsgemeinschaft von Tigges, Hummel und Trans-Europa an. Den Vorteil haben davon in diesen Fällen nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Konsumenten. Während sie mit Besorgnis registrieren, daß die Preise für den täglichen Bedarf ständig steigen, sind die Ausgaben für Pauschalreisen in einigen Fällen um Hunderte von Mark gefallen. Am sensationellsten ist das Angebot der Flugreisen nach Ostafrika. Eine Reise von 18 Tagen (Vollpension) kostete noch im letzten Jahr 1998 Mark, im kommenden Winter 1250 Mark für 23 Tage und nur 990 Mark für 12 Tage (der normale Flugpreis beträgt Frankfurt–Mombasa–Frankfurt 2800 Mark). Und auf die Kanarischen Inseln kann man in diesem Jahr 14 Tage lang (Vollpension) schon für 584 Mark (noch 1962 zehn Tage für 874 Mark) mit dem Jet fliegen.

Interessant und für die Reisenden wichtig war es, wie die allgemeine Entwicklung von dem Angebot eines Außenseiters, Neckermann, beeinflußt wurde. Er bot eine Charter-Flugreise mit dem Düsenflugzeug nach Libanon zum überraschenden Preis von nur 745 Mark für 15 Tage, alles inbegriffen, an und hatte damit Erfolg.

Die Reisestrategen haben inzwischen mit Staunen bemerkt, daß der erfahrene Ferienreisende, der vom Sonderzug in das Auto und schließlich in das Flugzeug umsteigt, heute weitaus kritischer ist als noch vor wenigen Jahren. Er verlangt für sein schwer verdientes und erspartes Geld, das er für Reisen anlegen will, einen entsprechenden Gegenwert. Die Unternehmer mußten ihre Angebote danach richten.