Eine Musikkultur, die derart "geschlossen" ist wie die der DDR, bietet dem Komponisten naturgemäß gute Möglichkeiten, sobald er seinen etablierten Platz gefunden hat. Je mehr es ihm gelingt, an der hierarchisch gestaffelten Autorität teilzuhaben, desto günstiger wird sein materieller und sozialer Status. Außenseiter haben keine Chance, und die Statuten des Verbandes Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler (VDK) liefern den strikten Kanon für die Beurteilung eines Musikschaffenden. Wer sich dem stilistischen Experiment – etwa mit der seriellen Technik – hingibt und keine Arbeiten vorzuweisen hat, die in den Rahmen des "sozialistischen Realismus" passen wollen, läuft Gefahr, völlig isoliert und als "Unperson" betrachtet zu werden.

Andererseits ist es nicht so, daß Zwölftonmusik verboten wäre, um so weniger, als ein so geschätzter Meister wie Hanns Eisler die Schönbergsche Kompositionstechnik sozusagen in die DDR mitgebracht hat. Schönberg wird diskutiert. Man kreidet ihm an, daß seine Musik zu abstrakt ist. In marxistischer Sicht fehlt ihm der – außermusikalische, gesellschaftliche – Sinn; serielle Werke, urteilt man, sind für den Aufbau des Sozialismus unbrauchbar, da sie weder ein Massenpublikum ansprechen noch "Inhalt" haben.

Zwölftonmusik wird also gelegentlich gespielt. Zwar besitzt das Staatliche Rundfunkkomitee – in durfte in der Bandkartei nachsehen – nichts von Berio, Boulez oder Stockhausen, wohl aber ein halbes Dutzend Aufnahmen von Schönberg, darunter natürlich "Ein Oberlebender von Warschau", und von Nono dank der Rührigkeit des Leipziger Rundfunkorchesters immerhin die drei Teile des "Epitaphs auf García Lorca". Gesendet wird alles das höchst selten. Was der einflußreiche Musikpädagoge Professor Eberhard Rebling zu der Diskussion der Zwölftontechnik beitrug, entspricht der Denkweise der stärksten Fraktion im Musikleben: "Selbstverständlich muß sich auch unsere komponierende Jugend kritisch mit den verschiedensten Erscheinungen der bürgerlichen Dekadenz auseinandersetzen. Die stets parteiliche und konsequente Weise, mit der Hanns Eisler die Ästhetik und die Gestaltungsmittel seines Lehrmeisters Schönberg überwand, sollte unseren jungen Komponisten Vorbild sein, Irrwege zu vermeiden und solche, dabei sehr verschiedenartige Ausdrucksmittel schöpferisch zu verarbeiten oder zu entwickeln, die geeignet sind, das Neue unserer sozialistischen Gegenwart umfassender und tiefgreifender, eindringlicher, verständlicher und vielseitiger zu gestalten..."

So stand es im "Neuen Deutschland". Solange das Verhältnis gegenüber stilistischen Eigenwilligkeiten, gegenüber der elementaren Freude am schöpferischen Experiment gestört bleibt und eine utilitaristische Auffassung von der Musik ihren Spielcharakter ganz leugnet, solange wird die neue Musik der DDR selbst von der ihrer nächsten östlichen Nachbarn abgekapselt bleiben. Natürlich sind unter den Möglichkeiten, welche die Musikverwaltung augenblicklich bereithält, auch Kontakte zum Westen. Einige Komponisten und Musikfunktionäre wohnten der Premiere von Henzes Oper "Der junge Lord" in Westberlin bei; Musikverlage der DDR unterhalten Beziehungen zu solchen der Bundesrepublik, selbst Peters in Leipzig und Peters in Frankfurt am Main; Günter Kochan und Siegfried Köhler reisten zu einem Podiumsgespräch über Musik hüben und drüben in die Bundesrepublik; ich selber erhielt die Möglichkeit, mich als Gast des VDK in Ostberlin, Leipzig und Erfurt über das aktuelle Musikleben der DDR zu informieren.

Aber bislang haben solche Kontakte nicht dazu geführt, daß Komponisten der DDR angemessen in die Konzertprogramme der Bundesrepublik Eingang fanden. Für die Spielzeit 1964/65 weist die Statistik der DDR 57 Aufführungen "der Werke von zeitgenössischen Komponisten aus Westdeutschland" aus; aber den je vier Aufführungen Egks und Henzes stehen in der Bundesrepublik nicht etwa gleich viele Paul Dessaus oder Johannes Paul Thilmans gegenüber. Die Frage, die Hans-Joachim Zimmermann stellte (Die Welt, 7. April 1962): "Kennen wir die Komponisten der Sowjetzone?" ist immer noch offen, und immer noch muß man wie er feststellen: "Wir sollten sie bei uns spielen, statt sie zu ignorieren." Leicht gesagt – denn Musik gemäß dem "sozialistischen Realismus" ist funktionelle, politische Musik, und immer wieder werden sich Kräfte finden, die bereit sind, den Boykott eines DDR-Komponisten auszurufen, weil er einen "Marsch der Nationalen Volksarmee", ein FDJ-Lied geschrieben oder zu irgendeinem Jahrestag seinen Dank an Partei und Staat ausgesprochen hat.

Daß die Komponisten der DDR Grund haben, dem Staat dankbar zu sein, läßt sich nicht bezweifeln, ist doch die Musik, die ideelle und materielle Unterstützung der Musikschaffenden eben dieses Staates Angelegenheit. Er vergibt öffentliche Aufträge. Der Komponistenverband, die SED, der FDGB, Städte und Gemeinden, Industriewerke, die Armee, Orchester und Spielgruppen bestellen Kompositionen; der Musikbedarf des Staatlichen Rundfunks und Fernsehens ist nicht minder groß. Neuerdings erhalten nachschaffende Künstler "Interpretationsaufträge" für neue Partituren.

Der Komponist in der DDR, gleichzeitig meist Lehrer, Dirigent, Hauskomponist eines Theaters oder dergleichen, ist privilegiert und genießt einen Sonderstatus. Diese besonderen Rechte bedingen eine besondere Verpflichtung. Sie ergibt sich aus den Statuten des VDK wie aus der allgemeinen Politik von Partei und Staat. Der Künstler – in der parlamentarischen Demokratie ein potentieller Gegner der Regierung – legt ein Bekenntnis zu der Gesellschafts- und Staatsform ab, unter der er lebt. Das mindeste ist die Akzeptierung der marxistischen Ästhetik; so notierte Siegfried Köhler 1963 anläßlich der Uraufführung seiner Oper "Der Richter von Hohenburg", die den Bauernkrieg als erste sozialistische Revolution deutet: "Ich versuche eine Musik zu schreiben, die den Weg zu den Menschen findet, die volksverbunden ist, die zugleich aber auch nach vorn weist, die einen Beitrag leistet zur Entwicklung der Kunst im Zeitalter des Sozialismus. Ich bekenne mich zu den schöpferischen Prinzipien des sozialistischen Realismus. Als Sozialist ist für mich eine parteiliche Aussage auch in der Musik selbstverständlich."