R. B., Berlin, im August

Die Militärjustiz der DDR hat einen Grenzsoldaten verurteilt, weil er danebenschoß. Der Soldat hatte mit seinem neuen Schnellfeuergewehr 60 Schuß abgegeben, ohne zu treffen – und das am hellichten Tage. Die Pulverladung in den Patronen ist verschieden dosiert, so daß die Schüsse breit im Gelände streuen. Wer vorbeischießt, muß also schon weit danebenhalten. Das Urteil gegen den Soldaten – drei Jahre Zuchthaus – soll zur Abschreckung dienen, weil es sich herausgestellt hat, daß die besten Schützen der Grenzbrigaden versagen, wenn sie auf Menschen schießen sollen. Immer noch gelingt es erstaunlich vielen Menschen, selbst unter Beschuß die Zonengrenze unverletzt zu passieren.

Ulbricht entschloß sich kürzlich – wahrscheinlich aus diesem Grunde – die Mauer zu modernisieren. Statt Beton und Stacheldraht über der Erde will er tiefe Gräben ziehen lassen. ‚So soll aus Mitteldeutschland ein Gehege nach Hagenbeckschem Muster entstehen, aus dem kein Mensch mehr ausbrechen kann, es sei denn, er wäre mit besonderem Gerät ausgerüstet.

In der Bundesrepublik und in Berlin sollte man sich fragen, ob es wirklich nötig war, die Kommunisten so oft darauf hinzuweisen, wieviel Bürger der DDR glücklich über die Mauer kamen. Diese unsinnige Propaganda hat nur dazu geführt, daß Grenzsoldaten, die danebenschossen, nun denunziert werden.