Von Reinhard Lettau

Zuerst ungläubig, dann verwundert hört der europäische Besucher, daß in amerikanischen Colleges innerhalb des akademischen Lehrplans Creative Writing Classes angeboten werden. Der Zudrang zu diesen meist von jüngeren Dozenten der Anglistik oder Amerikanistik geleiteten Übungen ist groß, die Studenten müssen sich, ehe sie zugelassen werden, durch vorher angefertigte Manuskripte qualifizieren.

Besucht man diese Sitzungen, so stellt man fest, daß die Amerikaner über keine Geheimrezepte verfügen. Nach vorgegebenen oder frei gewählten Themen hergestellte Manuskripte werden verlesen und dann mit den gleichen unsicheren Mitteln analysiert und interpretiert wie im Proseminar nebenan. Allerdings gibt es doch einige Unterschiede. Die einzelnen Texte stehen viel schutzloser für sich selbst. Kein seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten scharfsinnig hochinterpretiertes Oeuvre schützt die einzelne Arbeit, keine Biographie hilft sie erklären, entschuldigen, keine Sekundärliteratur hat Vorurteile geschaffen, deren Bestätigung oder geistreiche, modische Widerlegung von der Arbeit ablenken könnte.

Ob aus diesen: "Dichterschulen" große Schreiber hervorgegangen sind, weiß ich. nicht. Es ist wahrscheinlich, daß Talente die Übungen ohne Schäden überstehen, und es ist sicher, daß die Mehrzahl der Teilnehmer erfrischt in ihre Literaturseminare zurückkehrt. Daß der Umgang mit Texten unbekannter oder nicht identifizierter, auch mediokrer Autoren die kritische Unabhängigkeit, Spontaneität, das Urteilsvermögen des Studierenden fördert, ist eine längst bekannte Tatsache. Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber literarischen Kunstwerken sind Tugenden, die in Writing Classes unterstützt werden können und dann den Teilnehmern während ihres weiteren Literaturstudiums zugute kommen; deswegen sollte man sich die Einführung solcher Klassen in Deutschland, vielleicht an der neuen Ruhruniversität, ernstlich überlegen.

Daß die Arbeitsbedingungen für eine Schreibschule an einer Universität günstiger sein mögen, muß man aus dem kürzlich erschienenen Band

"Prosaschreiben" – Eine Dokumentation des Literarischen Colloquiums Berlin, herausgegeben von Walter Hasenclever; Verlag Literarisches Colloquium, Berlin; 268 S., 16,– DM

schließen; ja, die Tatsache, daß es diesen Band überhaupt gibt, spricht bereits gegen das Experiment, das zu dokumentieren er sich bemüht. Es ist schwierig, das Buch zu kritisieren, weil es als "Dokumentation" eines Experiments der Kritik ausweicht, also einerseits den Schonungsanspruch des Experiments erhebt, andererseits dieses Experiment selbst gar nicht vollständig dokumentiert, indem zum Beispiel jeder Diskussionsteilnehmer "möglichst mit seinen bester, und originellsten Erzählungen vertreten ist, indem also sowohl Texte als auch Diskussionen weggelassen sind, oft über Texte, gesprochen wird, die nicht abgedruckt sind, noch öfter Texte wiedergegeben werden, deren Kritik fehlt.