An den Devisenmärkten ist wieder Ruhe eingekehrt. Nachdem die Spekulation gegen das Pfund noch im Juli hohe Wellen geschlagen hatte, kann die englische Währung nun wieder einmal auf eine Atempause hoffen. Das Ausfuhrergebnis im Juli fiel besser als erwartet aus: der britische Export stieg gegenüber dem Vormonat um nicht weniger als 12 Prozent und erreichte mit 417 Millionen Pfund einen neuen Höchststand.

Dieser Ausfuhrrekord kann jedoch nicht die Illusion nähren, das Pfund sei bereits über den Berg. In der City sagt man nüchtern: Harold hat Zeit bis September gewonnen." Tatsächlich wird Premierminister Wilson trotz aller Anstrengungen zur Förderung des Exports im Herbst vor der gleichen Wahl stehen wie im Frühjahr: Großbritannien wird entweder um einen neuen internationalen Milliarden-Kredit nachsuchen – oder seine Währung abwerten müssen.

Harold Wilson hat eindeutig und immer wieder, verkündet, daß er eine Abwertung des Pfundes nicht will. Doch dies steht gar nicht zur Debatte: Es geht nicht darum ob er will, sondern ob er muß. Selbst im Rekordmonat Juli hat das Defizit in der Handelsbilanz noch 50 Millionen Pfund betragen, weil die Einfuhren auf 484 Millionen Pfund geklettert sind. Und in der ersten Augustwoche hat die Bank von England bereits wieder 60 Millionen Pfund Devisen verloren. Diesen Aderlaß kann ein Land, dessen Devisenreserven bereits zusammengeschmolzen sind, nicht lange durchhalten.

Hierzulande ist es weithin üblich, die Misere der englischen Wirtschaft teils schadenfroh, teils mitleidig zu beobachten. Wir hätten aber keinerlei Anlaß zur Selbstgefälligkeit, wenn London durch die Entwicklung der kommenden Monate gezwungen werden würde, das Pfund abzuwerten. Wir sind doch gerade dabei, den Fehler der Briten zu kopieren: Wir treiben Rationalisierung und Modernisierung der Wirtschaft zu langsam voran und unterhöhlen noch zusätzlich unsere Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt durch einen starken Preisauftrieb.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres hat die Bundesrepublik zum erstenmal seit Bestehen des Gemeinsamen Marktes im Handel mit ihren fünf Partnerstaaten ein Defizit aufzuweisen. Wir haben für 3,5 Milliarden Mark mehr Waren in der EWG eingekauft als in der gleichen Vorjahreszeit, aber nur für 400 Millionen Mark mehr in den fünf Staaten verkauft. Ergebnis: statt einem Überschuß von mehr als 2,8 Milliarden Mark in den ersten sechs Monaten 1964 diesmal ein Defizit von knapp 300 Millionen Mark. Aus den USA beziehen wir sowieso immer für einige Milliarden Mark mehr Waren als wir dorthin verkaufen. Und wenn das Pfund abgewertet würde (was praktisch, bedeutet, daß England den Export subventioniert, und gleichzeitig den Import erschwert), dann würden wir es auf dem Weltmarkt noch schwerer haben.

Was wir gegenüber Amerika, Frankreich oder Italien verlieren, können wir im Handel mit Brasilien, Indien oder auch Rumänien nicht wieder hereinholen. Nur wenn wir im Wettbewerb mit den Industriestaaten an der Spitze bleiben, kann sich unsere Exportindustrie behaupten. Diether Stolze