Nach Mexiko, Florida und zu den Bermudas – Dauerkarneval auf Deck

Von Ermano Höpner

Mein Fischzug durch die Reisebüros der Hafenstadt brachte mir reiche Prospektbeute ein: Auf Kunstdruck vorgestellte Kreuzfahrten ins Mittelmeer, in den Inselgarten um Teneriffa, in die Karibische See und selbst um die Welt. Das den "ewigen Sommer" versprechende Seefahrten-Angebot für das Winterhalbjahr, mit Palmen und Bikini-Schönen aufgeputzt, ist diesmal imponierend. Ein Sprecher des Deutschen Reisebüros verriet kürzlich, daß auch die Nachfrage nach Seereisen stetig wachse mit der anhaltenden Reisewelle. Die Zahl der umherkreuzenden Deutschen auf dem Mittelmeer sei heute schon mit der der seebewanderten Engländer gleichzusetzen. Ein rundes Drittel dieser Fahrensleute ziehe die Luxusklasse dem Bett im Unterdeck vor.

Im Laufe dieses Jahres verbringen rund 100 000 deutsche Urlauber ihre Ferien auf einem der Meere. Gelenkte Unterhaltung, Ortswechsel ohne Zimmerwechsel, schwimmende Schwimmbäder und täglich mehrmals ein übervolles Tischleindeckdich, das mache die Seefahrerei so attraktiv. Mit einem Nachfragehöhepunkt wird gerechnet, wenn die Sonne hierzulande am tiefsten steht. Nahezu alle geeigneten Passagierschiffe europäischer Reedereien halten sich für Winterreisen in den Süden bereit.

Schon laufen in den Reisebüros die Buchungen ein für "Weihnachts- und Silvesterfahrten", für die "Seereisen der Sonderklasse", für die angekündigten "Columbusreisen" auf der Route der Altvordern. Diesen Festtagsreisen wird nachgesagt, daß sie zwar die geistigen Horizonte der Teilnehmer nicht schmälern, in erster Linie aber dem Leibesumfang der Teilnehmer zugute kommen. Landpartien und Besichtigungsprogramme, im Sommer bei den klassischen Mittelmeerkreuzfahrten alltäglich, verlieren im Winter an Zugkraft. Bei den ausgedehnteren Seereisen dominieren die Festessen und Bordbälle. Zum Reisegepäck gehören jetzt der Smoking und das Abendkleid. Wenn bei den Bildungskreuzfahrten rund zwanzig Prozent für Landausflüge und bis zu zehn Prozent für Trinkgelder ausgegeben werden, so ist es im Winterhalbjahr umgekehrt: jetzt werden rund zehn Prozent der Gesamtkosten für Landausflüge und bis zu zwanzig Prozent für Handreichungen ausgegeben. Die Festessen ziehen sich in die Länge, das macht durstig, die Schiffsbar wird häufiger aufgesucht, die Hilfe der Stewards öfter in Anspruch genommen.

"Im Winter wird an Bord zumeist mehr geboten!" Das gab mir einer der Arrangeure als Grund dafür an, daß die Preise für Festtagskreuzfahrten im allgemeinen über dem für derartige Seereisen üblichen Durchschnitt liegen. "Denken Sie nur an die großen Festivitäten der Weihnachts- und Neujahrsreisen, an den umfangreichen Speisezettel. Allein auf der ‚Berlin‘, um ein Beispiel zu nennen, können Sie schon zum Frühstück unter mehr als einhundert Leckereien wählen – von der Zuckermelone bis zur gebratenen Kalbsleber auf Apfelreis." Die großen Fahrpreisunterschiede von 300 Mark (für elf Kreuzfahrtentage im östlichen Mittelmeer) bis weit über 3000 Mark (für Atlantikreisen) entstehen durch die unterschiedliche Qualität der Schiffe und Kabinen und die Kalkulationsmethoden der Reiseunternehmer.

Wer auf ein Bullauge verzichten und Wand an Want mit der Maschine schlafen kann, der erlebt die tollsten Seereisen zu halben Preisen. Auf dem Barhocker oder Sonnendeck im Liegestuhl wird ohnehin nicht nach der Kabinennummer gefragt.