Von Adolf Metzner

Vor zwei Jahren erlitten die deutschen Leichtathleten in Hannover mit 59 Punkten gegen die Amerikaner eine Rekordniederlage, diesmal in Augsburg waren es "nur" 51 Punkte. "Es geht aufwärts", meinte Max Danz, der Leichtathletik-"Boß", wie das heute heißt, mit resignierendem Lächeln.

Leichtathletik-Länderkampf Bundesrepublik Deutschland gegen USA, das ist ein bißchen Hochstapelei – denn "Weltmacht" sind wir auch hier nicht mehr. Dieser Länderkampf verdankt eigentlich der Großmannssucht des früheren Reichsbundes für Leibesübungen, speziell des Fachamtes Leichtathletik, seine Entstehung. 1938 hatte man eine hervorragende Mannschaft, an ihrer Spitze Rudolf Harbig, und man rechnete sich nicht ganz unbegründet eine Siegeschance gegen das beste Team der Welt aus. Die Yankees kamen ins Berliner Olympiastadion und siegten mit 30 Punkten Differenz. Selbst Harbig wurde über 400 Meter geschlagen, während er auf seiner Hausstrecke, den 800 Metern, allerdings überlegen gewann. Den Länderkampf verloren ausgerechnet die deutschen Langstreckler, denen man gerade Siege über die Amerikaner zugetraut hatte.

Der Länderkampf Deutschland–Amerika ist in doppelter Hinsicht eine einseitige Angelegenheit. Er wurde nicht nur jedesmal von den Deutschen klar und in letzter Zeit sogar allzu klar verloren, er fand auch noch nie in den Vereinigten Staaten statt; ganz einfach deshalb, weil die deutsche Mannschaft zur Zeit keinen vollwertigen Gegner abgibt. Von den deutschen Niederlagen nach dem Kriege hielt sich die erste in Stuttgart noch im Rahmen – mit 29 Punkten und Germars glanzvollem Sieg über 200 Meter gegen den amerikanischen Negersprinter Budd, während Hannover schon einer Katastrophe, wenn man diesen Ausdruck benutzen will, gleichkam. Die Hayes, Carr and Company degradierten unsere Asse fast zu Stümpern.

In Augsburg waren 1957 die Russen besiegt worden, und viele warteten insgeheim auf ein neues Wunder. Aber das Wunder blieb aus! Überragende Weltklasseathleten vom Schlage eines Armin Hary, Manfred Germar, Martin Lauer oder Karl Kaufmann haben wir heute nicht mehr. Dagegen haben wir die Norpoth, Philipp, Kaifelder und Beyer, die bravouröse Leistungen zeigten, und eine 4 X 400-Meter-Staffel, die mit den Amerikanern die diesjährige Weltbestzeit von 3:04,8 Min. einstellte. Aber all das genügte nicht, um die Deklassierung zu verhindern.

Unverändert großartig war nur das Augsburger Publikum, das bei den Leichtathleten nicht seinesgleichen hat. Fast trübselig schleppten sich drei Tage vorher in Duisburg unter regenschwerem Himmel die deutschen Meisterschaften hin. Was für eine Atmosphäre herrschte dagegen hier in Augsburg. Knisternde Spannung und Beifallsgeprassel lösten einander ab, Sprechchöre, Anfeuerungsschreie hallten über das in gleißendes Flutlicht getauchte Rosenaustadion, über dem etwas melancholisch ein orangefarbener Mond hing, 2X25 000 – 50 000 Zuschauer, das hat es bei der Leichtathletik schon lange nicht mehr gegeben.

Die jungen Teilnehmer der deutschen Mannschaft hatten dergleichen noch nie erlebt und waren über solchen Ausbruch der Leidenschaften bei einem Fest der Leichtathletik baß erstaunt. Aber alle gutgemeinte Anfeuerung, alle moralische Rückenstärkung war umsonst, die Amerikaner führten ihren Kampf souverän wie wahre Weltmeister zu Ende. Jetzt waren sie erst richtig angepaßt an den plötzlichen Klimawechsel, jetzt hatten sie die tückische Verschiebung des Tag-Nacht-Rhythmus überwunden und kämpften wie in New York, Kalifornien, Texas oder Illinois.