Projekt in Hessen: Ein Zoo in der freien Landschaft

Von Bernhard Grzimek

Noch bis zum Ende dieses Jahres will die hessische Landesregierung sich darüber klar werden, ob sie das Projekt, das schon viel Pro und Contra ausgelöst hat, dem Landtag zur Entscheidung vorlegen will: Das Projekt der "Tierfreiheit". Das ist die Idee des Frankfurter Zoodirektors Bernhard Grzimek. Er möchte einen großen Tierpark in Hessens Wäldern schaffen, in dem in Deutschland so rares Wild wie Biber, Wisente, Uhus, Luchse, Urwaldpferde angesiedelt werden soll und in dem exotische Tiere, die den Winter in einfachen Ställen überstehen können, gehalten werden sollen. Im hessischen Wirtschaftsministerium steht man diesem Plan positiv gegenüber, nicht zuletzt, weil in ihm sich wirtschaftliche (Touristenverkehr) und kulturelle Dinge decken. In naher Zukunft will das Ministerium alle, die irgendwie durch die Verwirklichung dieses Plans tangiert werden könnten, zu einem Gespräch an den runden Tisch bitten. Von dem Ergebnis dieses Gesprächs wird es abhängen, ob das hessische Kabinett sein Placet für die "Tierfreiheit" gibt und den Plan dem Parlament vorlegt. In dem großen Hessenplan sind für den Tierpark schon zwölf Millionen Mark veranschlagt worden. Im Etat dieses Jahres stehen 100 000 Mark für planende Vorarbeiten zur Verfügung. Bernhard Grzimek erläutert im nachstehenden Beitrag seine Idee:

In den letzten fünf Jahren habe ich mich besonders mit unseren einheimischen Wildtieren beschäftigt, also mit den Arten, die ihren Lebensraum mit den Angehörigen der europäischen Menschenrasse teilen. Zu diesem Zweck habe ich Studienreisen innerhalb Europas, nach den Vereinigten Staaten, Kanada und der Sowjetunion bis an die Grenze von Rotchina durchgeführt. Die Schicksale von Tierarten der gemäßigten Zone und die Probleme, die ich dabei erkannt habe, sind in dem Buch "Wildes Tier, weißer Mann" zusammengefaßt, das in diesen Tagen erscheinen wird.

Dabei ist mir eins bewußt geworden: In Zusammenarbeit mit den Schwarzen werden wir Weißen es wohl fertigbringen, einige kleine Reste afrikanischer Wildnis für die Nachwelt zu erhalten. Das Verständnis und die Mitarbeit vieler afrikanischer Staatsmänner dabei ist ganz unerwartet. (Zum Teil konnten wir sie durch die Aussicht auf den Touristenstrom dafür gewinnen.) Leider bestehen aber bisher wenig Aussichten, daß unsere Enkel einmal unberührte Natur in unserem Lebensraum sehen werden. Dieses Ergebnis ist recht niederdrückend.

Wenige Menschen können sich bis heute Reisen in die Nationalparks, die Naturschutzgebiete Afrikas, leisten. Die aber, die diese Tierparks besuchen, sind in der Regel tief beeindruckt, wie wenig scheu Giraffen, Nashörner, Antilopen, selbst Löwen, sind. Im Wagen kann man sich ihnen bis auf wenige Meter nähern, ohne daß sie fliehen oder angreifen. Das liegt daran, daß die Natur im Gleichgewicht ist, daß die friedlichen Weidetiere von den Großraubtieren ständig gezehntet werden. Auf diese Weise übervölkern und zerstören sie die Gegend nicht. Verschwinden die Raubtiere, so muß der Mensch mit der Büchse das Gleichgewicht wiederherstellen. Infolgedessen gehen die Tiere zur nächtlichen Lebensweise über und fliehen vor dem Menschen. Natürlich ist dieses Bejagen bei uns sehr notwendig; ohne unsere Jäger (die Jagdpacht und Wildschaden bezahlen) gäbe es sicher keine Hirsche, Rehe und Hasen mehr bei uns.

Ehe Uhus sterben